Wunschdenken, Lügen, Selbstbetrug, Empathie

Theorieversuche auf der Suche nach dem richtigen Menschenbild

Man kann Freud zugutehalten eine Vielzahl von wichtigen Forschungen, Theorieentwicklungen und gesellschaftlichen Diskurse mit initiiert zu haben. Vergleicht man aber seine Darstellung des Menschen, als eines von Trieben beherrschten Wesens mit einer statischen psychischen Grundstruktur, mit den etwa zeitgleichen Arbeiten von James und Mead, wundert man sich schon, wie gerade eine derart simplifizierende Karikatur des Menschen so einflussreich werden konnte. Man könnte salop sagen "sex sells", und das Freud ein ausgezeichneter Literat war, aber die durch ihn behaupteten und forcierten Dringlichkeiten gehen darüber deutlich hinaus. Insbesondere erstaunt bei jemandem der für einen großen Psychologen gehalten wird, der in seinem Werk sichtbare beträchtliche Mangel an Empathie. Anstatt zu versuchen die Einsichten seiner einstiegen Weggefährten nachzuvollziehen, und in seine Theorien zu integrieren, schrieb er am 1. Januar 1907 an Jung: "Meine Neigung geht dahin, die im Widerstand befindlichen Kollegen nicht anders zu behandeln als die in gleicher Lage befindlichen Kranken". Da insbesondere Menschen im Bereich ihrer sexuellen Identität besonders verletztbar und manipulierbar sind, verwundert es nicht, dass die durch ihn gegründeten psychoanalytischen Gesellschaften in ihren sektenartigen Tendenzen mitunter wie eine Vorlage für die vielen in der Folgezeit entstandenen Psychosekten erscheinen.

Es gibt kaum ein Thema, zudem so viel gelogen wird, wie dem der Lüge. Sucht man empirische Daten zur durchschnittlichen Häufigkeit des Lügens, trifft man auf eine überraschend große Bandbreite an Ergebnissen. Zwischen 3 und 300 mal sollen Menschen täglich durchschnittlich Lügen. Mir ist keine andere im Prinzip messbare Kenngröße bekannt, über die empirische Daten derart auseinander gehen. Das Ergebnis scheint mir im entscheidenden Maße von der Bereitschaft abzuhängen genau hinzusehen, z.B. ist mir keine Untersuchung bekannt, welche nonverbale Lügen mit erfasst. Vielleicht ist ja die tatsächliche durchschnittliche Häufigkeit sogar noch eine Größenordnung größer. Ähnlich wie eine Aussage gleichzeitig mehrere verschiedene Bedeutungen haben kann, kann eine Aussage in mehreren Teilaussagen als auch auf mehreren Ebenen gleichzeitig nicht der Wahrheit entsprechen. Evolutionär ist es immer schon von Vorteil gewesen, sich in einem besseren Licht darzustellen, und Handicaps zu verstecken. Die intellektuelle Redlichkeit bzw. Demut die Basis des eigenen Wissens und der eigenen Überzeugungen korrekt darzustellen wirkte immer schon regelrecht exotisch.

Den guten Lügner unterscheidet vom schlechten, dass er gelernt hat überzeugend und glaubhaft seine Lügen vorzutragen. Dieses setzt nicht nur die schnelle Modifikation einer Vielzahl mentaler Repräsentationen voraus, sondern ebenfalls die unbedingte Bereitschaft einer Lüge weitere Lügen folgen zu lassen. Erreicht dann noch der durch die Lüge betroffene Personenkreis eine bestimmte Größe oder die betroffenen Sachverhalte eine bestimmte Anzahl, wird die Komplexität kognitiv nicht mehr beherrschbar. Der Lügende verliert den Überblick und die Unterscheidung zwischen orginären und modifizierten mentalen Repräsentationen geht verloren. Eine Selbsttäuschung bis hin zu einem false memory syndrome ist unausweichlich. Zusammen mit diesen Selbsttäuschungen ist es die pauschale moralische Verurteilung des Lügens, die es erschwert eine unerwünschte Folgen verursachende Lüge noch rechtzeitig aufzulösen. Erst dadurch entwickeln Lügen ihre mitunter fatal destruktiven Wirkungen. Für jemanden, der versucht auf Lügen zu verzichten, wird das Leben sehr schnell sehr komplex. Für jemanden, der exessiv lügt ebenfalls nur vollkommen anders. Vielleicht liegt ja die allgemein vorhandene Lügenhäufigkeit irgendwo in der Nähe des gegenwärtig gesellschaftlich möglichen Komplexitätsminimum. Was die Frage aufwürft, wie eine Gesellschaft aussehen müsste, in der es einfacher ist weniger zu lügen. Insbesondere das seuchenartige Auftreten von leicht vermeidbaren Bequemlichkeitslügen empfinde ich als lästig.

Die Farben der Lüge

Basiert auf "Vor-Urteile: Wie unser Verhalten unbewusst gesteuert wird und was wir dagegen tun können" von Mahzarin R. Banaji und Anthony G. Greenwald 2015

Folgt man dem moralischen Rigorismus Immanuel Kants, scheint es keinen Sinn zu ergeben Arten von Lügen zu unterscheiden, da jede Lüge moralisch zu verurteilen ist. Jenseits dessen findet man jedoch häufig die Unterscheidung zwischen weißen und schwarzen Lügen. Höflichkeitslügen werden hier von Lügen zum Zwecke des Betruges unterschieden. Das Prinzip der Lüge zu einem guten Zweck, das oft als Notlüge versucht wird moralisch zu rechtfertigen, kann sogar bis zur Idee einer Pflichtlüge ausgebaut werden. Versucht man dieses Schwarzweißschema auf empirisch beobachtbare Lügen anzuwenden, kommt man jedoch schnell zu dem Ergebnis, dass die meisten Lügen irgendwo dazwischen liegen. Graue Bequemlichkeitslügen gibt es in allen möglichen Schattierungen. Diese differenzierte Typologie von Lügen lässt sich noch erweitern, indem man nach den Gründen und Absichten der Lügenden fragt. Unter blauen Lügen kann man Lügen verstehen, die dem Wunsch entspringen das Gesagte möge wahr sein. Rote Lügen wiederum dienen der Steigerung der eigenen Attraktivität. Um den trichromatischen Raum unserer Farbwahrnehmung voll auszunutzen, möchte ich noch den Typus der grünen Lüge hinzufügen. Diese bezeichne religiöses Wunschdenken z.B. der eigenen Auserwähltheit oder der Auserwähltheit der eigenen Gruppe. Zusammen betrachtet spielt bei allen Lügen Wunschdenken eine maßgebliche Rolle, bei blauen in Bezug auf die Welt, bei roten in Bezug auf einen Selbst und bei grünen im Bezug zum Absoluten. Zusätzlich besitzt jede Lüge eine gewisse Durchsichtigkeit. Vollständig opaque Lügen sind in allen Zusammenhängen und Folgen bewusst, wohingegen vollständig transparente Lügen unbewussten Selbsttäuschungen entsprechen.

Offene versus geschlossene Menschenbilder

Ein offenes Menschenbild bedeutet im Extrem, das es keine Psychologie des Menschen sondern lediglich eine Psychologie eines Menschen geben kann.

Dialektischer
Materialismus

(Marx, Engels)
Psychoanalyse (Freud)
- Strukturale Psychoanalyse (Lacan)
- Ich-Psychologie (Anna Freud, Hartmann)
- Selbstpsychologie (Kohut)
- Analytische Psychologie (Jung)
- Objektbeziehungstheorie (Klein)
- Bindungstheorie (Bowlby, Robertson, Ainsworth)
Individualpsychologie
(Adler)
Behaviorismus
(Watson, Skinner)
Sozialbehaviorismus / Transaktionalismus
(Mead)
Soziobiologie
(Dawkins, Diamond,
Voland)
  Neopsychoanalyse (Fromm, Erikson)      
Freudomarxismus / Kritische Theorie (ReichMarcuse / Horkheimer, Adorno, Habermas)      
der Mensch ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse der Mensch ist trieb- und affektgesteuert
(psychodynamische Modelle)
Geltungsstreben und Gemeinschaftsgefühl menschliches Verhalten besteht aus Reflexketten menschliches Verhalten ist basierend auf biologischen Anlagen genuin sozial soziales Verhalten ist genetisch angelegt
Klassen-
antagonismen
verdrängte sexuelle/gesellschaftliche Konflikte nervöser Charakter Minderwertigkeitskomplex Überempfindlichkeit dysfunktionale Reflexketten gestörte biochemische,
psychische oder soziale
Dynamiken
anlagebedingte Konflikte
soziologistisch obskurantistisch psychologistisch reduktionistisch offenes Menschenbild biologistisch

Antifreudianismus
Humanistische Psychotherapie (Maslow) - der Mensch ist gut und die Gesellschaft ist böse - blockierte Selbstaktualisierungstendenz als Störungsauslöser
- Klientenzentrierte Psychotherapie (Rogers)
- Positive Psychotherapie (Peseschkian)
- Humanistisches Psychodrama (Moreno)
- Gestalttherapie (Fritz-, Perls, Goodman)
- Körperpsychotherapie (Reich)
- Psychosynthese (Assagioli)
- Logotherapie und Existenzanalyse (Frankl)
- Daseinsanalyse (Binswanger, Boss)
- Transaktionsanalyse (Berne)
- Integrative Therapie (Petzold)

relativ offene Menschenbilder
- Verhaltensforschung (Pawlow, Lorenz)
- Gestaltpsychologie (Lewin, Köhler, Kurt, Wertheimer)
- Tätigkeitstheorie (Wygotski, Lurija, Leontjew)
- kognitiven Entwicklungspsychologie (Piaget)

Allen mehr oder weniger geschlossenen Menschenbildern liegt eine mehr oder weniger autoritäre gegenüber dem Menschen übergriffige Haltung zugrunde.

Literatur

Timur Kuran, "Private Truths, Public Lies: The Social Consequences of Preference Falsification", 1995
Elaine N. Aron, "Sind Sie hochsensibel?: Ein praktisches Handbuch für hochsensible Menschen", 2014
 

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