Die Angst der Anderen

Empirische Persönlichkeitstypologie
Defizitorientierte Persönlichkeitstypologie
  Das Spektrum narzisstischer Persönlichkeitsdefizite
  Das Spektrum misstrauischer Persönlichkeitsdefizite
  Angst
  Psychopathie und Soziopathie
  Mobbing, Gaslighting, autoritäre Herrschaft, ...
Ressourcenorientierte Persönlichkeitstypologie
Literatur

Empirische Persönlichkeitstypologie

Das bekannteste und verbreitetste Modell zur Klassifikation der Persönlichkeit von Menschen innerhalb der Persönlichkeitspsychologie ist das Modell der Big-Five (OCEAN-Modell). In ihm werden Persönlichkeitsmerkmale in 5 Kategorien zusammengefasst, so dass die Persönlichkeit jedes Menschen innerhalb eines 5-dimensionalen kontinuierlichen Raumes verortet werden kann. Aber auch diese 5 Persönlichkeitsmerkmale sind nicht völlig unabhängig voneinander. So findet sich oft eine negative Korrelation zwischen Verträglichkeit und Offenheit für Erfahrungen. Auch sind Menschen nicht gleichmäßig normalverteilt über die 5 Dimensionen. Dem sozio-kulturell beeinflussten Konzept der Persönlichkeiten kann das Konzept der Temperamente gegenübergestellt werden als eher biochemisch beeinflusst. Wird bei Temperamenten eine starke Anlagebedingtheit angenommen, schwankt sie bei den Big-Five um die 50 %. Historisch betrachtet gibt es auch noch eine Vielzahl von Lehren die jeweils feste Persönlichkeits- bzw. Charaktertypen postulieren.

  Anlagebedingtheit in % bei starker Ausprägung bei schwacher Ausprägung
O Offenheit für Erfahrungen ≈57 erfinderisch, neugierig konservativ, vorsichtig
C Gewissenhaftigkeit ≈49 effektiv, organisiert unbekümmert, nachlässig
E Extraversion ≈54 gesellig zurückhaltend, reserviert
A Verträglichkeit ≈42 kooperativ, freundlich, mitfühlend wettbewerbsorientiert, antagonistisch
N Neurotizismus ≈48 emotional labil, verletzlich selbstsicher, ruhig

Im Test NEO-PI-R können noch zusätzlich 30 Facetten unterschieden werden:

Im HEXACO-Modell wird die Facette Ehrlichkeit-Bescheidenheit als eigene 6. Dimmension betrachtet.
In die andere Richtung ist es möglich die 5 Dimensionen in 2 zusammenzufassen:

Das Big-Five-Modell ist tendenziell oberflächlich, da es auf Beobachtbarkeit und empirische Messbarkeit hin optimiert wurde. Eine genaue situative Vorhersage von Verhalten ist mit ihm nicht möglich, lediglich in emotional angespannten Situationen können mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mehr oder weniger stabile Verhaltensmuster vorhergesagt werden. Es lässt sich gegenwärtig noch nicht genau sagen, ob es Segen oder Fluch ist, das praktisch sämtliche Big-Data-KI-Modelle auf dieser wenig tiefgründigen Klassifikation aufbauen. Das größte Problem dürfte ohnehin der irrsinnige Energieverbrauch für die ebenfalls psychologisch und sozial fragwürdigen Überwachungs-, Profiling- und Nudging-Maßnahmen sein. Nimmt man die Erkenntnisse von Shoshana Zuboff in "Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus" und John Day in "Patterns In Network Architecture: A Return to Fundamentals" zusammen, kann man etwas 80% des Energieverbrauchs der größten IT-Firmen der Welt diesen fragwürdigen Anwendungen zuordnen. Und diese IT-Firmen sind mittlerweile unter den größten Firmen überhaupt.

Defizitorientierte Persönlichkeitstypologie

Mit einer defizitorientierten Klassifikation schein es mir möglich Verhalten deutlich tiefgründiger zu verstehen, und somit auch erheblich besser vorherzugesagen. In ihrem Buch "Hochsensibilität in der Liebe" weist Elaine N. Aron darauf hin, dass C. G. Jung den Begriff der Introversion ursprünglich viel weiter definiert hatte. Heute wird der Begriff meist auf soziale Introvertiertheit verkürzt. In Anlehnung ihres Kozepts von Hochsensibilität an Jungs ursprünglichen Begriff der Introversion (1943 S.48ff) sind Introvertierte in diesem Sinne lediglich zu 70 % sozial introvertiert. Die anderen 30 % sind sozial extrovertiert. Jung wiederum vergleicht seine Unterscheidung sogar selbst mit William James Unterscheidung von "tender-minded" und "tough-minded" (1907). Am Beispiel der erbitterten Feindschaft zwischen Adler und Freud beschreibt Jung Introversion und Extraversion als Einstellungstypen und als solche letztlich definiert über ihre Defizite. In Anlehnung an Nietzsche beschreibt er sie als Schattenseite des Menschen. Erscheint das Erste als grüblerisches mißtrauisches Beobachten, so das Zweite als aktionistisches in die Welt Hinausschreiten. In seiner alles durchdringenden Weitung wird der Gegensatz zu einem weltanschaulichen und prinzipiellen, der gekennzeichnet ist durch eine unversöhnliche gegenseitige Entwertung. ("Denn der Wert des einen ist der Unwert des andern.") Aber welche Werte sind hier genau gemeint?

the tender-minded the tough-minded
Rationalistic (going by 'principles') Empiricist (going by 'facts')
Intellectualistic Sensationalistic
Idealistic Materialistic
Optimistic Pessimistic
Religious Irreligious
Free-willist Fatalistic
Monistic Pluralistic
Dogmatical Skeptical

Wenn ich 'religious' durch 'spiritual' ersetze kann ich James Gegenüberstellung gut nachvollziehen. Doch was genau liegt ihr zugrunde? Wie entsteht sie? Aus einer defizitorientierten Sicht scheinen mir zwei fundamental entgegengesetzte Strategien der Komplexitätsreduktion eine Rolle zu spielen. Diese zwei Strategien ergeben sich aus den zwei grundlegenden Sprachfunktionen, einerseits Wissen zu repräsentieren und andererseits mittels Sprache sozial zu interagieren (appellative Funktion).

Persönlichkeitsdefizitspektrum grüblerisch aktionistisch
Verhältnis zur Sprache logozentrisch soziozentrisch
hohe Sensibilität gegenüber kognitiver Dissonanz Respektlosigkeit
primäre Orientierung an Wahrheit
logischer Konsistenz
Wohlbefinden
sozialem Status
Menschenbild positiv optimistisch negativ pessimistisch

Natürlich ist beides gleichzeitig möglich, aber beide Funktionen können bereits einzeln eine dramatische Komplexität erreichen, so dass die Konzentration auf eine dieser Funktionen tendenziell zu Lasten der anderen geht. Insbesondere im Bereich der Menschenbilder kann es dabei zu einer erbitterten Feindschaft kommen, bis hin zu der von Jung beschriebenen fundamentalen Inversion der Werte. Ein hohes Menschenideal kann für Personen aus dem aktionistischen Spektrum als unerträgliche Provokation bzw. persönlicher Angriff empfunden werden, ebenso kann für Personen aus dem grüblerischen Spektrum ein negatives Menschenbild etwas unmöglich tolerierbares sein. Für eine tiefergehendere und differenziertere Analyse erscheinen mir die Konzepte des Selbstbildes und des Selbstwertgefühls nützlich zu sein. Fast alle Theorien, Studien und Experimente die ich zum Thema Selbstwertgefühl finden konnte, vernachlässigen eine Berücksichtigung des sozialen Umfeldes der betrachteten Personen. Das Resultat sind eine Vielzahl widersprüchlicher Ergebnisse bzw. paradoxer Forderungen. Es scheint aus den überwiegend individualistischen Perspektiven nicht gesehen zu werden, dass es für ein Individuum keine Möglichkeit gibt direkt Einfluss auf das eigene Selbstwertgefühl zu nehmen, sondern immer nur indirekt über den Einfluss auf das eigene soziale Umfeld.

Der vermeintliche Unterschied zwischen einem echten Selbstwertgefühl und einem falschem durch ein aufgeblasenem Ego, welches als oft fragil beschrieben wird, ergibt sich nach meiner Sicht aus dem einfachen Umstand, dass es für das soziale Umfeld einen Unterschied macht, ob die Anerkennung die es gibt, durch echtes Engagement oder Manipulationen zu Stande gekommen ist. Täuschungen und Manipulationen implizieren immer die Gefahr entdeckt zu werden. Zugegebenermaßen ist meine Begriffsdefinition für eine empirische Sozialforschung extrem unbequem, da es schwierig ist sie experimentell zu überprüfen. Man müsste z.B. über viele Tage sämtliche Interaktionen mit dem sozialen Umfeld kontrollieren bzw. manipulieren. Vergleichbar wäre es nicht vertretbar eine unschuldige Testperson vor ein reguläres Gericht zu stellen. Sie zu verurteilen und einzusperren, um dann zu schauen, was genau dieses mit ihrem Selbstwertgefühl macht. Genauer ist es aus meiner Sicht wichtig das Wechselspiel aus sozialer Anerkennung und Persönlichkeitsdefiziten zu betrachten. Ein übersteigertes Selbstwertgefühl kann sich ergeben, wenn die soziale Anerkennung die Persönlichkeit einer Person übersteigt. In der Regel wachsen Menschen mit ihren Aufgaben, d.h. ihre Persönlichkeit wird komplexer, ihre insbesondere empathischen Fähigkeiten nehmen zu. Verwendet eine Person aber bereits erfolgreiche Techniken z.B. der Täuschung und Manipulation um bestehende Persönlichkeitsdefizite zu kompensieren, kann es für sie erheblich bequemer sein diese Techniken auszubauen als die eigene Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Mit dem Ergebnis einer Zunahme der Persönlichkeitsdefizite. Eine ähnliche Dynamik können wir auch in die andere Richtung beobachten. Verwendet eine Person bereits erfolgreiche Techniken bzw. Strategien um das eigene erniedrigte Selbstwertgefühl zu kompensieren, können negative Rückmeldungen des sozialen Umfeldes ebenfalls zu einer Zunahme der Persönlichkeitsdefizite führen, z.B. durch eine Zunahme devianten oder delinquenten Verhaltens. Eine zentrale Rolle bei all diesen Vorgängen spielt aus meiner Sicht immer wieder das Selbstwertgefühl und das Selbstbild.

fünf Dimensionen (Grundformen) von Persönlichkeitsdefiziten:

 
borderline F60.3.1 (-A & N)
instabiles Selbstwertgefühl
instabiles Selbstbild

Identitätsstörung mit
Selbstregulationsdefizit

 
  konfliktaffin
ambitioniertes Selbstbild
(viele Ziele)
konfliktavers
unambitioniert Selbstbild
(viele Ausreden)
konfliktblind
unterentwickeltes Selbstbild
(ungewisse Ziele)
aktionistisch
 
gesellig
übersteigertes Selbstwertgefühl
(oft fragil)
narzisstisch (-A) 40 %
F60.8
Demutsdefizit
histrionisch (-C) 25 %
F60.4
Oberflächlichkeit
 
antigesellig
erniedrigtes Selbstwertgefühl
 
antisozial (-O) 5 %
F60.2
Verantwortungsdefizit
ängstlich (N) 15 %
Cluster C, F60.6, F60.7, F60.5
Selbstvertrauensdefizit
 
grüblerisch
 
ungesellig
ungewisses Selbstwertgefühl
 
  misstrauisch (-E) 15 %
Cluster A, F60.0, F60.1, F21
defizitäre soziale Fähigkeiten

Die ursprüngliche Inspiration für diese Anordnung bekam ich durch einen Vortrag von Lydia Benecke über Psychopathinnen. Ähnlich der Korrelation zwischen Extraversion im Sinne sozialer Extraversion aus den Big-Five und grüblerisch mißtrauischen Persönlichkeitsdefiziten sehe ich ebenfalls Korrelationen zwischen den jeweils vier anderen Dimensionen. Die stärkste Korrelation sehe ich zwischen Neurotizismus und ängstlichen Persönlichkeitsdefiziten und die schwächste vielleicht zwischen Offenheit für Erfahrungen und antisozialen Persönlichkeitsdefiziten. Den fünf Grundformen von Persönlichkeitsdefiziten habe ich dann alle gegenwärtig anerkannten Persönlichkeitsstörungen (PS) als quasi extreme Ausprägung der jeweiligen Persönlichkeitsdefizite zugeordnet. Der Schweregrad, ab dem man eine PS diagnostiziert, ist ohne strenge wissenschaftliche Kriterien von Experten festgelegt worden. Man hält aber an dieser Bezeichnung fest, da eine Diagnose von "lediglich" schweren Persönlichkeitsdefiziten den bestehenden Gesundheitssystemen zuwider laufen würde. Auch gibt es zwischen den eizelnen Diagnosen eine vielzahl von Komorbiditäten. Mehr als die Hälfte bekommen mehr als eine Persönlichkeitsstörungsdiagnose.

In der am 1.1.2022 inkraftgetretenen ICD-11 wechselte man ebenfalls auf eine 5-dimensionale Diagnostik plus Borderline-Muster und zusätzlicher Angabe der schwere der Störung, aber vier der fünf Dimensionen werden stark reduziert. Das ängstliche Spektrum wird reduziert auf Anankasmus (Zwang), das misstrauische auf Distanziertheit, das histrionische auf Enthemmung und das narzisstische auf negative Affektivität. Die antisozial bzw. dissoziale PS war immer schon eine stark focusierte Diagnose. Die bisherigen Diagnosen können dadurch nur sehr verlustbehaftet übersetzt werden. Um wenigstens Borderlinebetroffene auch in Zukunft die wirksamen Therapien sichern zu können, wurde diese Diagnose als zusätzliches Muster hinzugefügt. Schon fast ironisch wirkt, dass damit in einer zunehmend narzisstischen Gesellschaft die unbequeme Diagnose Narzissmus mehr oder weniger abgeschafft wird, da durch die Reduzierung von narzisstischen Persönlichkeitsdefiziten auf negative Affektivität die Unterscheidung zwischen Narzissten und nicht narzisstischen Mobbingopfern nicht mehr möglich ist.

Die Borderline-PS habe ich als eine spezifische Kombination aus narzisstischen und ängstlichen Persönlichkeitsdefiziten mit eigener Dynamik der Vollständigkeit halber außerhalb mit aufgenommen. Auch bei der schizoiden PS sehe ich bedeutende Anteile ängstlicher Persönlichkeitsdefizite. Für den gesamten Cluster B (narzisstisch, antisozial, histrionisch und borderline) und somit für drei der fünf Grundformen ist ein egozentrisches und launisches Verhalten mit Impulskontrollschwäche charakteristisch, abhängig von der stärke der Defizite. Bei allen Persönlichkeitsdefiziten gemeinsam findet sich ein Mangel an Ambiguitätstoleranz, Frustrationstoleranz und Komplexitätstoleranz, die sich gegenseitig bedingen. Die geläufigsten Strategien zur Komplexitätsreduktion sind Empathieverweigerung, Reflexionsverweigerung und strategische Indifferenz. Aus einer anderen Perspektive könnte man sagen, dass alle Formen von Persönlichkeitsdefiziten mit unterschiedlichen Formen von Defiziten im Bereich Mentalisierung bzw. Empathie wechselwirken. Die Fähigkeit ein Gefühl dafür zu entwickelt, was Personen im sozialen Umfeld denken wird in unseren modernen zunehmend fragmentierteren Gesellschaften immer schwieriger. Gleichzeitig nehmen Anforderungen bzw. Erwartungen an den Einzelnen immer weiter zu.

Während die Anlagebedingtheit der Persönlichkeitsdefizite ähnlich den Big-Five um die 50 % liegen dürfte, gibt es stärker anlagebedingte Diagnosen mit ähnlichen Symptomen aber mit deutlich anderen Ursachen und Dynamiken:

narzisstisch ADHS F90
histrionisch Williams-Beuren-Syndrom Q78.8
ängstlich Fetales Alkoholsyndrom Q86
misstrauisch Hochsensibilität HSP, Asperger-Syndrom F84.5, Frühkindlicher Autismus F84.0
borderline Bipolare Störung F31

Das Spektrum narzisstischer Persönlichkeitsdefizite

Von den fünf Grundformen sind narzisstische Persönlichkeitsdefizite bzw. -störungen nicht nur die gesellschaftlich problematischsten, sondern ebenfalls diejenigen über die es die meiste Literatur gibt. Dabei folgen die Meinungen oft der Theorie von Alfred Adler, wonach Narzissten ihre Minderwertigkeitskomplexe bzw. ihr niedriges Selbstwertgefühl überkompensieren. Empirische Untersuchungen jedoch deuten auf ein durchgängig übersteigertes Selbstwertgefühl. Am plausibelsten erscheint es mir, dieses im Kern als Resultat einer Selbstüberhöhung als Kompensation für frühere Kränkungen bzw. Gewalt zu betrachten. Anstatt an sich selbst zu arbeiten, arbeitet Narzissten an ihrem sozialen Umfeld, um das gewünschte positive Feedback zu bekommen. Narzissten täuschen ihr Umfeld nicht über ein verheimlichtes niedriges Selbstwertgefühl sondern über ihre mehr oder weniger heimliche Geringschätzung ihres Umfeldes. Das übersteigerte Selbstwertgefühl ist oft fragil, da eine solche Täuschungsstrategie ein unsicheres Unterfangen ist, und jede Kritik könnte ein Vorbote für ein Scheitern dieser Strategie sein. Anders betrachtet ist ein übersteigertes Selbstwertgefühl zwar immer unauthentisch, aber es ist ähnlich wie echte Wertschätzung geeignet Abwertungserfahrungen auszugleichen.

Noch schwieriger wird es bei verdeckten bzw. vulnerablen Narzissten. Ihr geringes Selbstbewusstsein lässt sie ihre Geringschätzung ihres Umfeldes noch stärker verheimlichten als normale bzw. grandiose Narzissten. Oberfächlich betrachtet ist ihr Verhalten nur schwer von dem eines nicht narzisstischen Mobbingopfers zu unterscheiden. Erst eine tiefgründige und aufwändige Betrachtung kann hier Klarheit schaffen. Verdeckte Narzissten sind aufgrund ihres geringen Selbstbewusstseins öfter von Mobbing betroffen. Mobbingopfer reagieren auf Provokationen oft aggressiv, verdeckte Narzissten tun dies zusätzlich auch aufgrund ihrer Geringschätzung z.B. durch ungerechtfertigte Vorwürfe, oft zusammen mit Empathieverweigerung. Darüber hinaus ist gesellschaftlich betrachtet ein Zusammenhang zwischen dem zunehmenden Mobbing und zunehmenden narzisstischen Tendenzen sehr wahrscheinlich, da eine narzisstische Einstellung ein effektiver Schutz davor zu sein scheint ein Mobbing-Syndrom zu entwickeln. Die daraus resultierenden immer aggressiveren gegenseitigen Demütigungen können in eine Abwertungsspirale münden. In diesem Kontext finde ich Theorien eines guten, gesunden oder neutralen Narzissmus besonders problematisch. Sie erscheinen vielmehr wie Schutzbehauptungen, ausgedacht von Narzissten um ihren eigenen Narzissmus zu relativieren. In jedem Fall kann man Narzissmus als eine Kompensation eines Mangels an Selbstliebe beschreiben, und somit eher als ihr Gegenteil.

Das Spektrum misstrauischer Persönlichkeitsdefizite

Man könnte das grüblerisch mißtrauische Spektrum als massiv erweitertes autistisches Spektrum beschreiben. Allen Diagnosen dieser Grundform ist gemein, dass sie sich auf eine beeinträchtigte bzw. gestörte soziale Integration bzw. Entwicklung zurückführen lassen. Die Gründe hierfür ebenso wie die konkreten Ausprägungen sind sehr vielfältig, trotz vieler Gemeinsamkeiten. Zwischen Autismusdiagnosen und solchen aus dem Cluster A gibt es signifikante Korrelationen. Z.B. erfüllen 26 % der autistischen Menschen die Kriterien einer schizoide PS. Indem ich Hochsensibilität zumindest teilweise diesem Spektrum zuordne, definiere ich diese als Temperament mit subsymptomatischen leicht autistischen Zügen. Aus meiner Sicht fangen Kinder erst ab einer bestimmten Schwere ihrer Beeinträchtigungen an pseudosoziale Ersatzinteraktionen zu verwenden. Z.B. fällt es vielen schwer ihren Gesprächspartnern in die Augen zu schauen. Um aber sozialen Erwartungen Rechnung zu tragen gewöhnen sich einige an, einen Punkt zwischen den Augen zu fixieren. Damit verhalten sie sich aber noch merkwürdiger, und koppeln sich noch stärker von einer normalen sozialen Entwicklung ab, als wenn sie versuchen würden ihre Schwierigkeiten zu kommunizeren. Im Ergebnis entwickeln Sie typische Symptome des Asperger Syndroms. Bei Kanner-Autismus bzw. frühkindlichem Autismus wiederum geht die Abkopplung sogar soweit, dass erst stark verzögert oder gar nicht Sprechen gelernt wird. Die Vielfalt innerhalb des mißtrauischen Spektrums beinhaltet ebenfalls eine Menge Nonkonformismus und Exzentrik.

Die paranoide PS würde ich tendenziell nicht als eine eigenständige PS betrachten. Drei Viertel der Menschen mit einer paranoiden PS haben weitere Komorbiditäten, vor allem schizotypische, narzisstische, selbstunsichere, Borderline- und passiv-aggressive PS. Der Paranoia liegen also wahrscheinlich andere misstrauische, narzisstische und/oder ängstliche Defizite zugrunde. Ähnlich wie bei Depressionen dürfte es somit auch hier sehr unterschiedliche Dynamiken geben.

Angst

Bei Tieren gibt es bei Angst drei instinktive Verhaltensweisen: Kampf-, Flucht- und Totstellreflex. Menschen mit ihren vielfältigen Welt- und Selbstverhältnissen haben ein deutlich komplexeres Innenleben, folglich gehen sie höchst unterschiedlich mit Angst und Gefahren um. Menschen die unter schweren ängstlichen Persönlichkeitsdefiziten leiden sind zwar in ihrer Persönlichkeit nicht so vielfältig wie solche aus dem mißtrauischen Spektrum, dafür sich ängstliche Persönlichkeitsdefizite insgesamt weiter verbreitet, insbesondere unter Menschen mit psychischen Problemen. Die Vielfalt der Gründe für Angst wiederum scheint fast grenzenlos zu sein. Fritz Riemann hat mit seinem Buch Grundformen der Angst von 1961 bis heute einen beachtlichen Erfolg. Auch wenn die feste Zuordnung seiner vier Grundformen zu vier Persönlichkeiten nicht dem aktuellem Stand der Persönlichkeitspsychologie entspricht, und eine feste Zuordnung ohnehin fragwürdig ist, scheint er mit tendenziell sehr vagen Argumenten zumindest etwas Ordnung in das chaotische Gebiet der Ängste gebracht zu haben. Seine vier Grundformen sind die Angst vor der Veränderung, vor der Endgültigkeit, vor Nähe und vor der Selbstwerdung. Im Riemann-Thomann-Modell findet dahingehend eine Vereinfachung statt, dass zwei Grundformen als räumlich und zwei als zeitlich gegensätzliche Ausrichtungen übersetzt werden. Übertragen auf meine fünf Grundformen von Persönlichkeitsdefiziten sehe ich folgende stärkere Korrelationen:

narzisstisch  
antisozial  
histrionisch Angst vor Dauer
ängstlich Angst vor Wandlung & Distanz
misstrauisch Angst vor Nähe

Im konfliktaffinen Spektrum mit seiner Orientierung an und Fokusierung auf vielfältige Ziele sind Handlungen deutlich seltener durch Ängste geleitet bzw. initiiert. Bei der zwanghaften PS sehe ich eine starke Korrelationen mit Angst vor Wandlung, und bei der abhängigen und der ängstlich-vermeidenden PS mit Angst vor Distanz. Ängstlich-vermeidende Verhaltensweisen können aus meiner Sicht aber auch ein Symptom misstrauischer Persönlichkeitsdefizite sein, und würden als solche eine andere Dynamik zeigen.

Die häufigsten und stärksten Ängste ebenso wie eine Vielzahl von Phobien fehlen aber in Riemanns Aufzählungen. Die Angst vor Abwertung durch die unterschiedlichsten Formen von Gewalt und die tendenziell spirituelle Angst vor der Angst werden nur am Rande gestriffen. Praktisch jede soziale Interaktion kann zumindest in der Art wie sie ausgeführt wird als Form der Anerkennung oder der Verweigerung eben dieser interpretiert werden. Diese Interpretationen sind grundsätzlich unsicher, da Absichten und Motive nicht direkt sichtbar sind. Insbesondere für Außenstehende können deshalb subtile Formen des Mobbings nur sehr schwer erkannt werden. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit von Mobbing betroffen zu sein über die verschiedenen Persönlichkeitsdefizitspektren nicht gleichverteilt ist, kann jeder zum Ziel von Gewalt und Abwertungen werden.

Insgesamt ergeben sich folgende 6+X Dimensionen der Angst:

in Bezug auf Gewalt bzw. Herrschaft
1. Angst vor Abwertung
spirituell
2. Angst vor der Angst
räumlich
3. Angst vor Nähe
4. Angst vor Distanz
zeitlich
5. Angst vor Wandlung
6. Angst vor Dauer
in Bezug auf bestimmte Objekte, Situationen oder Räumlichkeiten
X. Phobien

Psychopathie und Soziopathie

Starke Persönlichkeitsdefizite in mehreren Dimensionen erzeugen nicht nur potenziell mehr Konflikte und Spannungen mit dem sozialen Umfeld sondern sie erzeugen sehr starke innere Widersprüche, welche ich als Persönlichkeitsdefizitspannung bezeichnen möchte. Da es sich hierbei nicht lediglich um Dissonanzen sondern um tiefgreifende fundamentale Widersprüche handelt, ist das Wohlbefinden stark eingeschränkt. Normalerweise konzentrieren sich Persönlichkeitsdefizite auf eine Dimension. Wenn aber besonders komplexe Traumatisierungen bzw. Gewalterfahrungen in der Entwicklung passierten, können sich komplexere Muster von Persönlichkeitsdefiziten herausbilden. Solange sich Persönlichkeitsdefizite auf eine Dimension beschränken, besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass nur das soziale Umfeld unter den Persönlichkeitsdefiziten leidet, ohne die Demütigungen zurückzugeben. Unter diesen Bedingungen ist selbst bei gößeren Persönlichkeitsdefiziten ein glückliches Leben möglich. Bei einer erhöhten Persönlichkeitsdefizitspannung bzw. bei komplexen Muster von Persönlichkeitsdefiziten finden die Demütigungen gewissermaßen intrapersonal statt. Hier gibt es nur noch die Möglichkeit der Frustrations- oder Aggressionsabfuhr um Entlastung zu schaffen. Ein angenehmes Leben ist nicht mehr möglich. Die Größe der Persönlichkeitsdefizitspannung ist neben der Größe der jeweiligen Defizite maßgeblich abhängig davon, um welche der drei Unterscheidungen es sich handelt. Die Kluft zwischen geselligen und antigeselligem Spektrum erzeugt die geringsten Widersprüche, die zwischen aktionistischem und grüblerischem die größten.

Nach Lydia Benecke haben Psychopathen im Bereich von mindestens zwei Cluster B Persönlichkeitsstörungen hohe Werte. Die bekannteste Kombination ist die primäre Psychopathie bestehend aus schweren narzisstischen und antisozialen Persönlichkeitsdefiziten, die sekundäre Psychopathie bestehend aus schweren narzisstischen und Borderline-Persönlichkeitsdefiziten. Psychopathen mit hohen Werten in mehr als zwei Cluster B Persönlichkeitsstörungen sind sehr selten, da diese eine noch extremere Persönlichkeitsdefizitspannung haben. Nach Benecke gibt es auch öfters insbesondere Psychopathinnen die eine Kombination aus schweren narzisstischen und histrionischen Persönlichkeitsdefiziten haben. Ich würde vorschlagen diese Kombination als tertiäre Psychopathie zu bezeichnen. Darüber hinaus müsste es noch drei Kombinationen ohne schwere narzisstische Persönlichkeitsdefizite geben, aber zum einen beinhaltet eine Borderline-PS immer auch narzisstische Anteile, und eine Kombinationen aus antisozialen und histrionischen Persönlichkeitsdefiziten ohne narzisstische Anteile erscheint mir nicht sehr wahrscheinlich bzw. relevant. Anders gesagt sehe ich schwere narzisstische Persönlichkeitsdefizite als zentral für jede Psychopathie. Was die Frage zur Folge hat, ob es auch eine Kombination aus narzisstischen und misstrauischen Persönlichkeitsdefiziten geben kann. Betrachtet man die Kunstfigur Sherlock aus der gleichnamigen Fernsehserie, scheint es zumindest möglich zu sein, eine solche Persönlichkeit glaubhaft zu konstruieren. Auch die Selbstbezeichung als Soziopath scheint mir passend zu sein, wobei geläufige Verwendungen dieses Begriffs eher der primären oder sekundären Psychopathie ähneln. Um natürlich von der Kunstfigur zu realen Persönlichkeiten zu kommen, müsste man natürlich noch die negativen Emotionen, Widersprüche, Selbstzweifel und irrationale Gewalt hinzufügen, die zur Erhöhung der Konsumierbarkeit bei Filmproduktionen oft weggelassen werden. Nicht jeder ist bereit, sich eine Serie wie Dirty John anzuschauen, bei der ein echter Fall eines Psychopathen versucht wurde realistisch darzustellen. Bei einer Kombination aus narzisstischen und misstrauischen Persönlichkeitsdefiziten dürfte es bereits bei mittelschweren Defiziten eine beträchtliche Persönlichkeitsdefizitspannung geben, da der Widerspruch zwischen dem grüblerischen und dem aktionistischen Spektrum der stärkste von allen ist. Um so größer die Persönlichkeitsdefizitspannung ist, um so stärker handeln Betroffene wie Getriebene, oft mit der Folge von Missbrauch psychoaktiven Substanzen, Depressionen und suizidalem Verhalten. Auch hier gilt erneut, dass es bequemer ist zu versuchen diese Spannungen zu externalisieren als an den eigenen Defiziten zu arbeiten. Aber wieso ist Sherlock Soziopath und nicht z.B. quartärer Psychopath? Der Widerspruch zwischen dem grüblerischen und dem aktionistischen Spektrum ist der stärkste, weil es eine Anzahl Inversionen zwischen Beiden gibt. Bei Narzissten bzw. Psychopathen gibt es oft einen Mangel an emotionaler Empathie aber eine normal ausgeprägte kognitive Empathie. Bei Personen im misstrauischen Spektrum ist es genau anders herum. Eine andere Interpretation für die Konsumierbarkeit der Kunstfigur Sherlock wäre, dass Sherlock zwar soziopathisch veranlagt ist, aber aufgrund seiner Intelligenz lediglich mit seiner Veranlagung spielt, ohne wirklich soziopathisch zu sein.

Mobbing, Gaslighting, autoritäre Herrschaft, ...

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Defiziten bzw. Pathologien auf der Ebene der Individuen und der Ebene der Gesellschaft? Kann man von individuellen Pathologien auf gesellschaftliche schließen und umgekehrt? Der größte Teil der Psychologie und auch Teile der Sozialpsychologie klammern gesellschaftliche Betrachtungen aus, um nicht von der daraus drohenden Komplexität erschlagen zu werden. Die Soziologie wiederum zeichnet oft ein karikaturhaft reduziertes Bild psychischer Dispositionen. Bei der von Erich Fromm und Wilhelm Reich entwickelten Theorie vom autoritären Charakter bzw. der autoritären Persönlichkeit werden aus meiner Sicht verschiedene Dinge auf unzulässige Weise vermischt. Wenn man sich die empirischen Befunde anschaut, dann hängen Gesinnungen, Haltungen und Einstellungen viel stärker von denen der eigenen Peergroup ab als von der Persönlichkeit.

Macht und Herrschaft wurde klassischerweise immer nur als Verhältnis zwischen einzelnen Individuen oder Gruppen betrachtet. Michel Foucault entwickelte einen Machtbegriff der es möglich machte gesamtgesellschaftliche Machtstrukturen und ihre historische Entwicklung in den Blick zu nehmen. Dadurch wurde es möglich strukturelle Gewalt viel tiefgründiger und genauer zu beobachten und zu beschreiben. Aber es wurden auch viele Fragen aufgeworfen. Wie genau äußert sich diese Macht bzw. strukturelle Gewalt auf der Ebene zwischenmenschlicher Interaktionen? Gibt es Wechselwirkungen zwischen strukturellen und individuellen Formen von Gewalt? Ab welchem Ausmaß der Gewalt ist der Leidensdruck groß genug für Veränderungen? Gibt es Möglichkeiten die unsichtbaren Formen der Gewalt und ihre Folgen sichtbar zu machen? Wie kann man die Spirale aus Angst und Gewalt durchbrechen? Ab welchem Punkt ist die Angst vor einer weiteren Zunahme der Gewalt größer als die Angst vor Veränderung? Was muss geschehen damit systematische psychische Gewalt genauso geächtet bzw. strafrechtlich verfolgt wird wie physische Gewalt?

Mobbing ist eine Form wiederholter psychischer Gewalt zum Zwecke der Abwertung anderer. Stalking ist eine Form des Mobbings bei dem die eigene Aufwertung nicht nur über die Abwertung eines anderen geschieht sondern zusätzlich über dessen Kontrolle und mitunter zusätzlich auch dessen Einschüchterung. Gaslighting ist eine besonders perfide Form des Mobbings. Eine gute Definition von Gaslighting ist nicht ganz einfach. Wenn jemand Lügen und Manipulationen benutzt, um sich vor seiner Verantwortung zu drücken bzw. diese abblockt, dann ist dieses noch kein Gaslighting. Erst wenn er einen Schritt weiter geht und diese Verantwortung zusätzlich jemand anderem wiederholt unterschiebt, ist dieses aus meiner Sicht Gaslighting. Diese Definition ist allgemeiner und somit weitergehender als andere Definitionen. Mit ihm wird es aber möglich gesellschaftliche Missstände zu betrachten, die bisher nicht sichtbar waren.

Herablassendes und abwertendes Verhalten ist eine hocheffiziente Methode um Kritiker zum Verstummen zu bringen bzw. Meinungskämpfe zu gewinnen.

Mobbing ist tendenziell die unscheinbarste und unsichtbarste Form der Ausübung psychischer Gewalt. Die Abgrenzung zu nicht übergriffigem kompetitivem Verhalten ist von außen betrachtet extrem schwierig. Die Übergänge zwischen Konflikten und Mobbing sind fließend.
In der Arbeitswelt wurde die Entwicklung hin zu weniger autoritären flachen Hierarchien durch eine mittlerweile weit verbreitete Mobbing-Kultur und rücksichtslose psychische Gewalt ersetzt. Die Gewalt ist subtiler und unsichtbarer geworden und somit schwerer zu entdecken. Wurde früher offen autoritäres Verhalten noch weitgehend toleriert, benötigt man heute die Fähigkeiten eines raffinierten Psychopathen um erfolgreich autoritäre Herrschaft ausüben zu können.
Die Fokussierung auf das Thema Resilienz bedeutet für unschuldige Mobbingopfer eine tendenzielle Täteropferumkehr.

Bürokratischer Fleischwolf
Im öffentlichen Dienst ist die folgende Vorgehensweise anzutreffen, um Mobbingbetroffenen keine Hilfe angedeihen zu lassen. Nachdem man davon Kenntnis bekommen hat, dass eine Mobbingproblematik vorliegen soll, wird der Mobbingbetroffene von der Personal- oder Rechtsabteilung aufgefordert, eine detaillierte schriftliche Ausführung zu verfassen. Dieser Aufforderung soll dann möglichst noch termin- und formgerecht nachgekommen werden. Diese schriftliche Vorlage, die den Betroffenen einiges an Überwindung gekostet haben mag, wird dann aber nicht als Grundlage genommen, um zunächst als Personalabteilung ein klärendes Gespräch mit dem Betroffenen zu führen, etwa um Hintergründe und Wünsche desjenigen zu erfahren. Daraus könnte ja dann verantwortungsvoll abgeleitet werden, was jetzt die nächsten Schritte sein sollen. Nein, es kommt ganz anders. Das Schreiben des Betroffenen wird kopiert und unkommentiert dem beschuldigten Mobber zur Kenntnis und Stellungnahme übersandt. Dieser hat dann vier Wochen Zeit, dazu schriftlich Stellung zu nehmen. Dies ist einerseits ein guter zeitlicher Rahmen, um das Mobbing besser zu tarnen, Beweise verschwinden zu lassen, das Umfeld zu präparieren oder den Gemobbten intensiver unter Druck zu setzen. Andererseits ist es ein guter Zeitrahmen, um eine gute Verteidigungsposition zu formulieren. Formal scheint alles korrekt. Die Personalabteilung handelt vergleichbar der Staatsanwaltschaft. Es geht ihr nicht darum, eine innerdienstliche Schieflage zu klären. Aus ihrer Sicht wird schließlich nur eine Beschwerde verwaltet. Wenn der Beschuldigte nichts einräumt, dann ist der Vorgang halt abgeschlossen. Es heißt dann: in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Haben die Verantwortlichen keine Vorstellung davon, dass sie auf diese Weise die Vertraulichkeit des Worts in Bezug auf den Mobbingbetroffenen massiv verletzen? Verschärfend kommt immer wieder hinzu, dass der Betroffene über diese Verfahrensweise im Unklaren gelassen und erst später darüber informiert wird, wenn er sich nach dem Stand er Dinge erkundigt: »Zunächst müssen wir die schriftliche Stellungnahme von ... abwarten. Sie müssen sich noch ein wenig gedulden.« Wenn der Betroffene im guten Glauben möglicherweise auch sehr persönliche Eindrücke geschildert hat, dann ist sein Ausgeliefertsein danach noch viel größer als vor dem Versuch, Hilfe durch die Personalabteilung zu erhalten. Nicht ausgeschlossen ist nämlich, dass der Mobber eine Kopie (oder Auszüge) des Schreibens genüsslich in der Abteilung kursieren lässt, um den Betroffenen sozial vollends unmöglich zu machen. (Axel Esser, Martin Wolmerath, 2015)

Wenn ich derartiges lese frage ich mich, was ein längerer Aufenthalt in derartigen Einrichtungen mit den Menschen anstellt. Bürokratien sind immer eine Anhäufung feudaler Privilegien. Die Schwächungen zivilgesellschaftlicher Visionen in den letzten Jahrzehnten hat sie wachsen lassen wie Krebsgeschwüre.

Es gibt drei Möglichkeiten sich erfolgreich gegen eine Abwertung zu wehren. Eine Gegenabwertung (Kampf), eine Erhöhung der Distanz (Flucht) und eine Blockade durch eine dritte Person (bei emotionaler Erstarrung).

 

Am Ende war es Jung selbst, der nicht nur Introversion auf soziale Introvertiertheit reduzierte, sondern in seiner Lehre über psychologische Typen auch defizitorientierte mit ressourcenorientierten Kategorien mischte.

Ressourcenorientierte Persönlichkeitstypologie

Es gibt wohl kaum ein Thema zu dem derart viel Verworrenes veröffentlicht wird, wie zum Thema Empathie. Nur die wenigsten scheinen bereit zu sein einzugestehen, dass es keinen Sinn ergibt derart viele unterschiedliche Modalitäten des Menschlichen unterschiedslos unter einem Begriff zu subsumieren. Die moralische Aufladung des Themas bringt dann auch noch den letzten Rest analytischer Klarheit zur Strecke. Aus meiner Sicht muss man mindestens neun Modalitäten unterscheiden.

  Emotionalität Rationalität Perzeptivität
Emotion (weiter unterteilbar nach
einzelnen Emotionen und Akteuren)
emotionale (Selbst-)Empathie
(Mitgefühl/emotionale Ansteckung)
emotionale (Selbst-)Emlogie
(Menschenkenntnis)
Gefühls(selbst)wahrnehmung /
Gefühlsblindheit
Kognition (weiter unterteilbar nach
einzelnen Denkmustern z.B. Narrative,
Stereotype, Haltungen, Theorien)
kognitive (Selbst-)Empathie
(Mentalisierung)
kognitive (Selbst-)Emlogie
(Theory of Mind, Perspektivübernahme)
Gedanken(selbst)wahrnehmung /
Gedankenblindheit (z.B. Lügenblindheit)
Sozialität (weiter unterteilbar nach
einzelnen Handlungsmustern
z.B. Skripte, Rituale, Rollen)
soziale (Selbst-)Empathie
(Weltgewandtheit, Schlagfertigkeit)
soziale (Selbst-)Emlogie
(soziale Kompetenz)
Sozial(selbst)wahrnehmung /
Sozialblindheit

Aufgrund der unüberschaubaren Anzahl unabhängiger Dimensionen ist eine effiziente ressourcenorientierte Klassifikation nur in ausgewählten Teilbereichen möglich. Im Bereich Psychotherapie ist die defizitorientierte Sicht lediglich wichtig für eine hilfreiche Diagnose. Für eine erfolgreiche Therapie ist die ressourcenorientierte Sicht d.h. die empathischen Fähigkeiten des Therapeuten erheblich wichtiger.

Literatur

Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, 2018
John Day, Patterns In Network Architecture: A Return to Fundamentals, 2007
Elaine N. Aron, Hochsensibilität in der Liebe, 2006
C. G. Jung, Über die Psychologie des Unbewußten, 1943
William James, Pragmatism: a new name for some old ways of thinking, 1907
Fritz Riemann, Grundformen der Angst, 1961
Axel Esser, Martin Wolmerath, Mobbing und psychische Gewalt: Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessenvertretung, 2015

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