Alles zu bezweifeln oder alles zu glauben sind zwei gleichermaßen bequeme Lösungen, die uns beide vom Denken abhalten. (Henri Poincaré)
 

Epistemisch negativistischer Optimismus

Schaut man auf die Geschichte menschlicher Welt- und Selbstverhältnisse, dann stellt man fest, dass oft nicht die besten besonders anschlussfähig waren sondern die bequemsten. Unter einem epistemisch negativistischen Optimismus, oder genauer einem transaktionalistischen, epistemisch negativistischen und entwicklungsoffenen Optimismus, verstehe ich weniger eine geschlossene philosophische Lehre als vielmehr eine Haltung. Nach dieser, ist jede Antwort auf die Frage nach Wahrheit, die auf irgendeine Weise bequem ist, falsch. Wahrheit ist somit unbequem und unangenehm, aber nichts, was unbequem ist, ist allein deshalb wahr. Anderfalls gäbe es ja eine bequeme Möglichkeit, Wahrheit zu ermitteln. Analog, ist auch die Frage nach einer ewigen Wahrheit nicht entscheidbar, da Begründungen für ihre Nichtexistenz zwar nicht wirklich einfach sind, mir aber als bequem erscheinen. Eine solche Wahrheit könnte auf alle Fälle nichts statisches sein. Aber was wäre das Leben, wenn man es mit der Wahrheit immer so genau nehmen würde. Darüber hinaus, gibt es aus meiner Sicht kaum etwas bequemeres als Pessimismus. Dieser Negativismus geht somit über den Negativismus des Kritischen Rationalismus von Karl Popper hinaus. Insbesondere entwickeln sich nach meiner Ansicht sämtliche Begriffen zugrunde liegenden Unterscheidungen durch einen sozialen Prozess wechselseitiger und ko-konstitutiver Transaktionen. Analog zur Entwicklung wechselseitiger und ko-konstitutiver Beziehungen könnte man sagen, dass alle, die mit den selben Unterscheidungen beobachten, in ein gemeinsames semantisches Beziehungsnetz eingebunden sind. Menschliches Sein ist somit immer genuin sozial. Dem gegenüber halte ich jedoch den Sozialkonstruktivismus genauso wie den Radikalen Konstruktivismus für nicht selbstanwendbar.

Des Weiteren scheint mir daraus ein Antiessentialismus, aber kein erkenntnistheoretischer Antifundamentalismus zu folgen. Obwohl mindestens aufgrund des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes ein solides erkenntnistheoretisches Fundament unmöglich ist, könnte ein experimentelles in Form einer experimentellen Ontologie zusammen mit einer trialistischen Kosmologie praktikabel sein. Als solches wäre es auch Nietzsche approvable.

Die gravierendsten Konsequenzen hat dieser Negativismus im Bereich der Ethik. Als moralisch höchststehend ergibt sich für jeden Menschen eine Mitverantwortung für alle mit ihm sozial interagierenden Lebewesen basierend auf freien Entscheidungen. Würde diese Mitverantwortung nicht aus freien Entscheidungen sondern aus Kompensationsbedürfnissen wie z.B. einem Helfersyndrom oder einem Jesus-Komplex resultieren, wäre sie eher psychologisch bedenklich als moralisch wertvoll. Die Mitverantwortung selbst ergibt sich aus der transaktionalistischen unauflösbaren Verbundenheit zu allen mit dem Subjekt sozial interagierenden Lebewesen. Vergleichbar aus meiner Sicht spricht Emmanuel Levinas von einer unabweisbaren Forderung des Anderen gegen das Subjekt, dieses jedoch eingebettet in theologische Betrachtungen. Jean-Paul Sartre spricht von der absoluten Verantwortlichkeit als Konsequenz der totalen Freiheit, ausgehend von als isoliert gedachten Individuen.

Ein solcher ethischer Anspruch ist jedoch nie vollständig erfüllbar, insbesondere nicht in einer erheblich von Unwissenheit und Dummheit beherrschten Welt. Aber selbst in einer idealen Welt wäre die Komplexität viel zu hoch, so dass es sinnvoll ist, zwischen einem allgemeinen Verantwortungsgefühl und eingeschränkten persönlichen Zuständigkeiten zu unterscheiden.

Diese Ethik kann man in Anlehnung an Max Weber als eine Interaktion aus einer an Ergebnissen orientierten Verantwortungsethik und einer an Gerechtigkeit orientierten Gesinnungsethik interpretieren. In einer nicht idealen Welt mit begrenzten Ressourcen wie Zeit oder Informationen sollte sich eine Gesinnungsethik an einer Verantwortungsethik ausrichten. Dies erfordert unter anderem die Bereitschaft, sich aus einer unbeabsichtigten Situation heraus, sich im Sinne der Gesinnungsethik, schuldig zu machen. Dieses kann durch eine Fehlerkultur erleichtert werden, in welcher offen, ehrlich und sanktionsarm mit Fehlern umgegangen wird. Dabei ist jedoch die Ehrlichkeit der wichtigste Punkt, da die Fehlerkultur andernfalls perfekte Ausreden für nachlässiges oder rücksichtsloses Verhalten liefern würde. Bisher gibt es lediglich im Bereich der Luftfahrt eine hoch entwickelte Fehlerkultur, bei der Piloten regelmäßig im Simulator ihre Fähigkeiten und ihr Wissen einüben und auffrischen. Dem könnte man entgegnen, dass das Fliegen als Luxusbereich über große ökonomische Ressourcen verfügt. Andererseits wäre aufgrund der Fortschritte in der Computertechnik mittlerweile ein Simulationstraining auch in anderen Bereichen bezahlbar. In der Medizin gibt es zumindest erste Ansätze dahingehend.

Den Negativismus könnte man versuchen auch so zu formulieren, dass die Basis unserer Erkenntnisse derart unsicher ist, dass wir gar nicht erst versuchen sollten, allgemeingültige Aussage über die Welt als Ganzes zu treffen, da wir uns in diesem Bereich nicht einmal über die Bedeutung unserer Begriffe sicher sein können. Dummerweise ist das evolutionär betrachtet eine extrem unvorteilhafte Haltung. Ein Mensch, der diese konsequent umsetzt, dürfte in unserer Welt langfristig kaum überlebensfähig sein, wenn er sich selbst nicht vollständig sozial isolieren möchte. Ein bestimmtes Ausmaß an konformistischen und paternalistischen Selbsttäuschungen ist somit verständlich, auch wenn diese zunehmend unsere Lebensgrundlagen zerstören.
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