Facharbeit im Wahlfach Soziologie vom 31.01.1997
 

Identität

Betrachtungen aus systemtheoretischer Sicht
 

Einleitung

In meiner Ausarbeitung werde ich versuchen, systemtheoretische Theorieansätze mit dem sozialpsychologischen bzw. sozialphilosophischen Ansatz von Georg H. Mead zu verbinden. Dabei werde ich von einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Ansatz aus, neuere Überlegungen von Roger Penrose über die Möglichkeit, Phänomene wie Bewußtsein und Verstehen auf neue Weise naturwissenschaftlich zu erklären, mit einbeziehen. Als zentrale Frage meiner Untersuchung werde ich hierbei, ausgehend von einem allgemeinen Begriff des Systems über das Problem der Simulierbarkeit von Bewußtsein die Frage ob soziale Systeme simulierbar sind oder nicht, verfolgen. Aufgrund des umfangreichen theoretischen Gebietes werde ich mich dabei auf einige aus meiner Sicht wesentliche Aspekte beschränken.

Systemtheoretische Ansätze, deren systemisches Denken der zunehmenden Spezialisierung wissenschaftlichen Denkens ein Gegengewicht zu setzen versuchen,1 haben in den letzten Jahrzehnten vor allem durch die Entwicklung neuerer Theorien in der Mathematik und den Naturwissenschaften, wie z.B. der Chaostheorie und der Synergetik, enorm an Erklärungspotential gewonnen. Dem gegenüber haben Entwicklungen in der Informatik zu neuen Fragestellungen bzw. zu einer Verschärfung bestehender geführt, wie z.B. in der Frage nach künstlicher Intelligenz und künstlichem Bewußtsein. Die dadurch sichtbar werdenden wissenschaftsübergreifenden Probleme zeigen, daß in diesem Bereich noch umfangreiche Entwicklungen möglich sind. Im Gegensatz zu sozialwissenschaftlichen Theorieentwicklungen geht es bei mathematisch-naturwissenschaftlichen Ansätzen darum, mit so wenig wie möglich theoretischen Annahmen (Axiomen) so viel wie möglich Phänomene der Alltagswelt zu erklären. Unter diesem Ansatz kommt jedoch allzu oft die Vielfalt dieser Phänomene zu kurz, so daß andere Ansätze, die primär die Erfassung dieser Vielfalt anstreben, notwendig sind. Diese Beschränktheit mathematisch-naturwissenschaftlicher Ansätze trifft im besonderen bei der Beschreibung psychischer und sozialer Phänomene zu, so daß in diesen Bereichen bisher nur ungenügende Erklärungen möglich sind. In diesem Zusammenhang finde ich die Überlegungen von Penrose, wonach nicht-rechnerische Vorgänge in einer Vereinigung von Quantenmechanik und allgemeiner Relativitätstheorie eine wichtige Rolle spielen könnten, und Bewußtsein darauf aufbauend möglicherweise als ein quantenmechanisches Phänomen beschrieben werden könnte, für sehr interessant, da sie die Notwendigkeit und die Möglichkeit für neuartige Erklärungen aufzeigen. Vor allem aber stellen sie einen möglicherweise endgültigen Bruch mit der Vorstellung des Laplaceschen Dämons2 dar. Diese Vorstellung, welche analog zu der Annahme der Existenz einer Weltformel ist, die heute vielleicht sogar mehr in sozialwissenschaftlichem Denken kursiert,3 geht aus meiner Sicht auf den geschichtlichen Hintergrund der Entstehung der modernen Naturwissenschaften zurück, welche stark durch die Annahme der Existenz eines übernatürlichen Wesens, das der Natur seine Gesetze auferlegt,4 geprägt wurden, und durch den Wunsch diese Gesetze zu entdecken und somit den „Plan Gottes“ zu kennen.5

Im ersten Abschnitt werde ich ausgehend von einem allgemeinen Begriff des Systems nichtlineare dynamische Systeme näher beschreiben, und damit im Zusammenhang stehende Aussagen der Chaostheorie erläutern, wonach reale chaotische Systeme aufgrund ihrer Sensibilität gegenüber kleinsten Zufallsschwankungen bzw. Umwelteinflüssen nicht berechenbar sind. Nach einer genaueren Unterscheidung von Systemen hinsichtlich ihrer Stabilitätsform (Abschnitt 2.1) stelle ich die Frage, ob soziale und psychische Systeme auf einem Computer simulierbar sind. Für psychische Phänomene wie Bewußtsein und Verstehen ergibt sich nach den Überlegungen von Roger Penrose möglicherweise eine grundsätzliche Nichtsimulierbarkeit, da die ihnen zugrunde liegende Physik möglicherweise nicht-rechnerische Vorgänge beinhaltet (Abschnitt 2.2). Auf der Grundlage des Begriffs der Identität werde ich dann die Frage nach der Simulierbarkeit sozialer Systeme verfolgen (Abschnitt 3.1). Obwohl diese Frage (für menschliche Gesellschaften) unbeantwortet bleibt, ergeben sich aus meiner Sicht aus ihrer Verfolgung eine Reihe interessanter Anknüpfungspunkte für zukünftige Untersuchungen. Ausgehend von einem Primat der Sprache für die Unterscheidung zwischen sozialen Tieren und menschlichen Gesellschaften versuche ich eine theoretische Brücke vom systemtheoretischen Ansatz zum sozialpsychologischen von Mead zu schlagen, indem ich die Entwicklung von Identität genauer betrachte (Abschnitt 3.2). Davon ausgehend untersuche ich Probleme des Zusammenhangs von Sprache und Identität im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft (Abschnitt 3.3). Dabei wird vor allem die Frage nach der Existenz einer universellen Sprache bedeutsam.
 

1 Systemtheoretische Grundlagen

Der Begriff des Systems als einem aus mehreren Teilen zusammengesetztem Ganzen impliziert, daß es etwas gibt, daß es ermöglicht, das System durch zeitliche Entwicklungen hindurch als es selbst zu erkennen. Dieses ist bei statischen Systemen (z.B. einem Haus) ihre Unverändertheit und bei linearen (mathematischen) Systemen die Möglichkeit der vollständigen Berechnung ihres zeitlichen Verhaltens. Da beides auf psychische und soziale Phänomene nicht zutrifft, werde ich mich auf die Betrachtung nichtlinearer dynamischer Systeme beschränken.

Nichtlineare dynamische Systeme weisen bei ihrer mathematischen Berechnung eine mit zunehmender Komplexität zunehmende Empfindlichkeit gegenüber den Anfangsbedingungen auf. Diese Empfindlichkeit ist eine Konsequenz ihrer Nichtlinearität und der daraus resultierenden Tatsache, daß fast identische Anfangsbedingungen sich exponentiell auseinanderentwickeln können. Die Ljapunov-Exponenten6 sind ein Maß dafür, wie „rasch“ benachbarte Zustände von Systemen auseinanderlaufen (positive Exponenten) oder aber konvergieren (negative Exponenten). Sie bestimmen somit im wesentlichen das dynamische Verhalten des Systems. Die Ermittlung der Dynamik des Systems erfolgt durch die Berechnung seiner Trajektorie7. Durch deren Darstellung lassen sich bei stabilen Systemen mehrere Formen von Attraktoren8 unterscheiden. Die einfachste Form sind Punkt-Attraktoren. Bei derartigen Systemen sind alle Ljapunov-Exponenten negativ, was bedeutet, daß unterschiedliche Zustände zu einem festen Punkt hin konvergieren. Ein Beispiel für ein solches System ist die gedämpfte Schwingung eines Pendels (siehe Anhang). Bei einer Schwingung, die konstant aufrecht erhalten wird, wie z.B. bei der Unruhe einer mechanischen Uhr, ist ein Ljapunov-Exponent gleich null. Der sich daraus ergebende Attraktor ist ein Grenzzyklus (siehe Anhang). Bei zusammengesetzten komplexeren Schwingungen können mehrere Ljapunov-Exponenten gleich null werden, so daß sich z.B. ein Ring- bzw. Torus-Attraktor ergibt (siehe Anhang). Sind die Ljapunov-Exponenten größer als null, dann ist das System instabil, d.h. es besitzt keinen Attraktor und wird nach einer bestimmten Zeit aufhören als System zu existieren. Genügend komplexe nichtlineare dynamische Systeme können sowohl positive als auch negative Ljapunov-Exponenten in einer derartigen Kombination enthalten, daß ihre Trajektorie einen sogenannten seltsamen Attraktor ergibt. Ein Beispiel für ein solches chaotisches System ist der Lorenz-Attraktor, der das nichtperiodische chaotische Verhalten einer Luftrolle bei einer bestimmten hinreichend hohen Temperaturdifferenz zwischen Luftschichten beschreibt. Bei Unterschreitung dieser Temperaturdifferenz werden aus dem seltsamen Attraktor zwei Punkt-Attraktoren, welche jeweils für eine der beiden möglichen Drehrichtungen stehen (siehe Anhang). Da bei Punkt-Attraktoren sich der Zustand des Systems auf einen Gleichgewichtspunkt einpendelt, handelt es sich somit um Systeme, die einem Gleichgewichtszustand zustreben. Da bei realen Systemen die Ljapunov-Exponenten niemals exakt gleich null sein dürften, streben Systeme mit periodischen Zustandsänderungen (Grenzzyklus, Ring-Attraktor) auf lange Sicht hin entweder zu einem Gleichgewichtszustand oder werden chaotisch. Somit sind chaotische Systeme die einzigen, die sich langfristig in dynamischen Ungleichgewichtszuständen befinden, was im besonderen für alle lebenden Systeme gilt, welche regelmäßig Energie aus ihrer Umwelt aufnehmen müssen, um interne Ungleichgewichte (wie z.B. die Atmung oder den Herzschlag) aufrechtzuerhalten.

Eine bedingt gute Veranschaulichung des Systemverhaltens ist durch eine Darstellung als Massepunkt in einer Potentiallandschaft möglich. Einem Punkt-Attraktor entspricht hierbei ein Punkt bzw. eine Kugel, welche in einer Parabel hin und her rollt und sich aufgrund der Reibung auf den Mittelpunkt einpendelt. Die Periodenlänge der Schwingung würde sich hierbei aus der konkreten Form (Öffnung) der Parabel ergeben. Die Darstellung eines Grenzzyklusses ist schon schwieriger. Man müßte sich eine kreis- bzw. ellipsenförmige Rinne vorstellen, in der die Kugel bei ihrer Bewegung permanent von einer bestimmten gleichbleibenden Kraft zu einer Kreisbewegung um einen (instabilen) Mittelpunkt angetrieben wird. Die Periodenlänge der Schwingung ergebe sich hier aus dem Durchmesser der Rinne. Bei einem Ring-Attraktor müßte diese Rinne zusätzlich gewellt sein. Einem seltsamen Attraktor würde schließlich eine Potentiallandschaft entsprechen, welche aus einem Tal besteht, daß mehrere Täler bzw. Rinnen z.T. mit Wellen, mehrere instabile Punkte und wirkende Kräfte enthält. In den Potentiallandschaften können Täler einem Attraktorbereich9 entsprechen. Hügel dagegen können instabile Punkte sein. Für die Veranschaulichung des Verhaltens komplexerer Systeme würde jedoch die Darstellung in drei Dimensionen schnell nicht mehr ausreichen. Ebenfalls würde eine permanente Änderung der Systemstruktur (Plastizität) z.B. bei lebenden Systemen einer permanenten Änderung der Potentiallandschaft entsprechen.

Da nach der aus der Quantenmechanik resultierenden Heisenbergschen Unschärferelation Ort und Impuls eines Teilchen nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden können, und somit die Anfangsbedingungen von realen chaotischen Systemen nicht beliebig genau feststellbar sind, ist ihr Verhalten, „obwohl determiniert, nicht mehr vorausberechenbar“10. Das auf diese Weise entstandene „Zufallsverhalten“ wird heute als deterministisches Chaos bezeichnet und steht im Widerspruch zum starken Kausalitätsprinzip der klassischen Physik, nach dem ähnliche Ursachen ähnliche Wirkungen hervorbringen. Für die Beschreibung stabiler Zustände derartiger realer chaotischer Systeme ist es lediglich noch möglich, einen Attraktorbereich und deren Attraktor anzugeben, innerhalb dessen sich der Zustand des Systems bewegt. Der genaue Trajektorienpunkt bzw. Zustand, in dem sich das Systems zu einem bestimmten Zeitpunkt befindet bzw. befinden wird, ist jedoch nicht mehr feststellbar. Das bedeutet, daß die Eigenschaften von chaotischen Systemen nicht mehr auf die Eigenschaften ihrer Elemente reduziert werden können. Das Ganze ist hier somit mehr als die Summe seiner Teile. Deshalb muß bei der Beschreibung von chaotischen Systemen mehr Gewicht auf statistische und geometrische Eigenschaften gelegen werden als bei Systemen der klassischen Physik. Da soziale und psychische Systeme im allgemeinen erheblich komplexer sind als die der Physik, trifft die Notwendigkeit eher qualitative Methoden zu verwenden somit in noch stärkerem Masse zu.
 

1.1 Formen der Stabilität

Um die Eigenschaften nichtlinearer dynamischer Systeme herauszuarbeiten, bietet sich eine Unterscheidung hinsichtlich der Formen der Stabilität an, welche es dem System ermöglicht, sich selbst gegenüber seiner Umwelt als System zu behaupten.

Die einfachste Stabilitätsform besitzen Rückkoppelungssysteme, in welchen mehrere Elemente in einem Kreis miteinander verbunden sind und durch positive und negative Rückkoppelung (Feedback) das System gegenüber Umwelteinflüssen stabilisieren. Negative Rückkoppelung wirkt gegenüber den Umwelteinflüssen kompensierend. Ein einfaches Beispiel hierfür ist ein Heizungssystem, bei dem eine Verringerung der Raumtemperatur durch eine Erhöhung der Heizleistung und umgekehrt kompensiert wird. Dem gegenüber wirkt positive Rückkoppelung verstärkend und bewirkt tendenziell eine Aufhebung der Stabilität des Systems. Ein Beispiel hierfür wäre die Rückkoppelung zwischen einem Mikrofon und einer mit ihm verbundenen Verstärkeranlage. Diese Rückkoppelung kann zu einer Zerstörung des Systems (bei älteren Verstärkeranlagen) oder bei ultrastabilen Systemen zu einer qualitativen Veränderung des Zustandes führen.

Ultrastabile Systeme sind Rückkoppelungssysteme, welche zusätzlich mehrere stabile Zustände einnehmen können und deshalb eine größere Flexibilität gegenüber Umwelteinflüssen besitzen. Sie verfügen somit über mehrere Attraktorbereiche, zwischen denen der Zustand des Systems „springen“ kann. Ein Beispiel für ein ultrastabiles System ist der von W. R. Ashby konstruierte „Homöostat“. Er besteht aus vier miteinander gekoppelten Teilsystemen, welche aus je einem um eine Achse beweglichen Elektromagneten bestehen. Jedes Teilsystem bildet ein stabiles Rückkoppelungssystem und ist somit in der Lage, geringfügige Störungen separat zu kompensieren. Erst bei größeren Störungen, z.B. durch ein willkürliches Umstöpseln von Verbindungsdrähten, überträgt sich diese auf das Gesamtsystem. Jenes sucht nun so lange nach einer geeigneten Kombination der Verhaltensweisen der vier Teilsysteme, bis wieder eine Stabilität des Gesamtsystems erreicht ist.11 Da diese „Suche“ jedoch recht langsam ist, ist eine noch komplexere Organisation durch multistabile Systeme notwendig, um das Prinzip der Ultrastabilität auch für lebende Organismen zu realisieren.12

Multistabile Systeme sind ultrastabile Systeme, welche aus mehreren relativ autonomen ultrastabilen Teilsystemen zusammengekoppelt sind.13 Durch die relative Autonomie ihrer Teilsysteme besitzen sie die Möglichkeit, je nach Art der Störungen verschiedene Teilsysteme zusammenzuschalten und somit effektiver auf Einwirkungen von außen zu reagieren. Das heißt, sie sind gegenüber ultrastabilen Systemen zusätzlich in der Lage, sich durch interne Optimierung bestehenden Umweltbedingungen anzupassen. Ist die Arbeitsweise des Homöostats von Ashby bereits schwer zu durchschauen, so scheint ein multistabiles System ein derartig komplexes theoretisches Konstrukt zu sein, daß es bisher kein technisches Modell dafür gibt. Somit sind möglicherweise erst biologische Organismen komplex genug, um sich selbständig als System an Umweltbedingungen anpassen zu können. Man beachte, daß die Anpassung als System, d.h. die Änderung seiner inneren Struktur, bedeutet, daß sich die Dynamiken des Systems (seine Attraktoren und Attraktorbereiche) ändern.

In psychischen und sozialen Systemen spielt Rückkoppelung und Ultrastabilität ebenfalls eine bedeutende Rolle,14 sie können hier jedoch lediglich zur Veranschaulichung bestehender und gedachter Vorgänge herangezogen werden. Eine mathematische Berechnung derartiger Prozesse ist auf Grund ihrer Komplexität und des daraus folgenden chaotischen Verhaltens und weiterer möglicher Einschränkungen, die ich noch darstellen werde, nicht möglich. So lassen sich z.B. zwei streitende Personen als ein Rückkoppelungssystem beschreiben. Wenn diese Personen darum bemüht sind, ihre Beziehung zueinander aufrecht zu erhalten, so werden sie möglicherweise die Argumente des jeweils anderen in ihrer Bedeutung entschärfen und somit versuchen den Streit kompensierend zu unterdrücken. Werden die Argumente jedoch ernst genommen oder sogar überbewertet, so kann es zu einer Eskalation des Streites kommen. Diese gegenseitige Verstärkung führt zu einer Aufhebung der Stabilität der Beziehung und im Extremfall zu ihrem Ende, oder die Personen versuchen die Beziehung auf einem anderen Niveau neu zu stabilisieren. An diesem Beispiel wird deutlich, daß ebenfalls die Absichten bzw. die Antizipation möglicher Folgen der Entwicklung für die konkreten Handlungen der streitenden Personen eine Rolle spielen. So steht dem Impuls, den anderen kritisieren zu wollen, möglicherweise die Angst einen Bruch der Beziehung zu riskieren gegenüber. Im Gegensatz zu Tieren, bei denen sich widersprechende Impulse gegenseitig behindern und blockieren, kann bei Menschen „die Vernunft einen neuen Weg zeigen, der den biologischen Individuen nicht offensteht. Das charakteristische Ergebnis vernünftigen Vorgehens ist, daß man sich eine andere Gruppe von Objekten sichert, auf die man reagieren kann, einen anderen Reizbereich. Es kommt zu Unterscheidung, Analyse und Umgruppierung der Objekte, die die verschiedenen zueinander im Widerspruch stehenden Impulse ausgelöst haben und die nun zu einer Reaktion führen, in der die widersprüchlichen Impulse aufeinander abgestimmt sind. Der Einzelne, der in sich selbst gespalten war, ist in seiner Reaktion wieder geeint.“15
 

1.2 Mechanistische Intelligenz ?

Kommen wir auf die Frage zurück, was es ist, daß es ermöglicht ein nichtlineares dynamisches System als es selbst zu erkennen bzw. wiederzuerkennen. Obwohl bei allen die Systemzustände und die Störungen aus der Umwelt nicht beliebig genau feststellbar sind, entziehen sich lediglich die realen chaotischen Systeme einer mathematischen Berechnung ihres zeitlichen Verhaltens, da nur bei ihnen ein Ljapunov-Exponent größer als null sein kann, ohne daß das System instabil wird und sich zerstört. Andererseits ist es prinzipiell möglich, jedes vorstellbare chaotische System (dessen Differentialgleichungen aufstellbar sind) auf einem Computer zu simulieren, ohne daß es jedoch einem realen exakt entsprechen könnte. Das wirft folgende Frage auf: Ist es prinzipiell möglich, alle sozialen und psychischen Phänomene auf einem Computer zu simulieren?

Die Vertreter und Anhänger der „Künstlichen Intelligenz“ würden diese Frage bejahen, obwohl es dabei auch erhebliche Unterschiede in der Auffassung über die praktische Umsetzbarkeit bzw. die (noch) notwendigen Entwicklungen gibt.16 Aus den vielfältigen Gegenpositionen möchte ich zwei herausnehmen und besonders betrachten.

Eine in den Sozialwissenschaften häufig vertretene Position besagt, daß sich aufgrund der enormen Komplexität von Verknüpfungen in sozialen und psychischen Systemen für diese Systeme die Notwendigkeit der Komplexitätsreduktion durch geeignete Selektionsstrategien ergibt, da nicht jedes Element mit allen anderen verknüpft werden kann.17 So sei es beispielsweise nicht möglich alle Erfahrungen und Wahrnehmungen zu verarbeiten, sondern lediglich „Regeln und Grundsätze der Informationsverarbeitung“ herauszubilden, um diese dann zu bearbeiten.18 Diese Regeln und Grundsätze, welche spezifische selektive Verknüpfungen von Verknüpfungen sind, bilden somit eine höhere Ebene der Emergenz aus. Auf diese Weise entsteht eine Hierarchie aus Emergenzebenen von Systemen, von denen Systeme einer Ebene die Komplexität von Verknüpfungen der Systeme der jeweils untergeordneten Ebene reduzieren. Diese Steuerung ist jedoch weniger als Berechnung oder Kontrolle zu verstehen, da es jeweils die unfaßbare Komplexität der Systeme einer Ebene ist, welche die Ausbildung einer übergeordneten Ebene erfordert bzw. bedingt.19 So entstehen nach Luhmann soziale Systeme dadurch, daß Individuen doppelte Kontingenz erfahren, d.h. „daß das Bewußtsein als psychisches System nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst weitgehend unzugänglich ist.“20

Da die Systeme höherer Emergenzebenen nicht mehr auf die untergeordneten Ebenen reduziert werden können bzw. durch sie erklärbar sind, ist eine mathematische Berechnung ihres zeitlichen Verhaltens nicht möglich. Was die Simulierbarkeit dieses Verhalten betrifft, so scheinen die Begriffe der Emergenz und der doppelten Kontingenz ein schwaches Gegenargument zu sein, erst recht wenn versucht wird, z.B. die Arbeitsweise des Nervensystems als mechanistisch zu beschrieben.21 Selbst der Begriff der Autopoiese22 beschreibt nach Maturana Leben als einen „mechanistischen“ selbstreferentiellen23 Prozeß. Wobei Maturana mechanistisch dabei als notwendigerweise nichtreduktionistisch für die wissenschaftliche Erklärung selbstreferentieller Systeme voraussetzt.24 Weiterhin wird der „Eindruck“ von Intelligenz auf die strukturelle Plastizität lebender Systeme zurückgeführt.25 Dabei bleibt es jedoch unklar, was diese Plastizität ermöglicht. Bewußtsein schließlich ist nach Luhmann neben lebenden und sozialen Systemen eine weitere Art autopoietischer Systeme, da es aus Gedanken besteht, welche es permanent reproduziert. Was aber das Wesen dieser Gedanken ist, und somit die Frage ob sie und somit Bewußtsein auf einem Computer simulierbar sind, bleibt ebenfalls unklar.

Die andere Gegenposition beruht auf den bereits erwähnten Überlegungen von Roger Penrose über eine neue Physik des Bewußtseins. Dabei versucht er Bewußtsein bzw. bewußtes Verstehen als ein quantenmechanisches Phänomen zu beschreiben. Während er in seinem Buch „Computerdenken“ (1991) noch davon ausging, daß es Nervenzellen geben könnte, die empfindlich genug sind, um Quanteneffekte für ihre Berechnungen nutzen und somit Bewußtsein erzeugen zu können, so stellt er in „Schatten des Geistes“ (1995) die Möglichkeit quantenmechanischer Berechnungen in den Zellen selbst dar.26 Weiterhin bringt er starke Argumente für eine grundsätzliche Nicht-Berechenbarkeit des Denkens und Verstehens bzw. die Unmöglichkeit Bewußtsein auf einem Computer zu simulieren hervor.27 Diese Nicht-Berechenbarkeit hat nach Penrose die Konsequenz, daß es in einer neuen vereinheitlichten Physik der Quantengravitation nichtrechnerische Theoriebestandteile geben müßte, welche dann für die Physik des Bewußtseins bedeutsam wären, „wie immer die physikalisch richtige Theorie einmal aussehen wird.“28

Im Gegensatz zur ersten Position vertritt Penrose den Standpunkt, daß Bewußtsein kein „‘emergentes Phänomen’ ist, das lediglich als eine Begleiterscheinung hinreichend großer Komplexität entsteht und keine neuartigen physikalischen Vorgänge erfordert, die grundlegend anders wären als die vom Verhalten unbelebter Materie vertrauten.“29 Somit wäre auch die „Hoffnung“, Bewußtsein in einem hinreichend komplexen und raffiniert geschalteten künstlichen neuronalen Netz simulieren zu können, ebenfalls unbegründet.

Wenn sich dieser theoretische Ansatz als richtig bestätigen sollte, so bedeutet dies, daß es neben berechenbaren Systemen und den simulierbaren chaotischen Systemen Systeme gibt, die nichtberechenbare Vorgänge ausführen. Da diese Vorgänge auf der Quantenebene ablaufen, sind ihre Auswirkungen auf die klassische Ebene minimal. Weil lediglich chaotische Systeme die notwendige Sensibilität gegenüber derartig geringen Auswirkungen besitzen, könnten sie nur in ihnen zu einer direkten Beeinflussung des Systemverhaltens führen. Derartige Systeme wären nicht nur nicht berechenbar sondern ebenfalls nicht (durch eine universelle Turing-Maschine30) simulierbar. Bewußtsein als Teil eines nichtsimulierbaren chaotischen Systems hätte somit die Nicht-Simulierbarkeit aller mit ihm im Zusammenhang stehenden Phänomene wie z.B. Intelligenz, Verstehen und Gefühlen zur Folge. Da die quantenmechanischen Effekte offensichtlich vor allem auf Zellebene wirksam sind bzw. die dort ablaufenden Prozesse (z.B. der Zellteilung) zu steuern scheinen,31 würde ein neues bzw. differenzierteres nichtmechanistisches Konzept der Autopoiese erforderlich werden.
 

2 Identität

Wie sieht es nun mit der Wieder-/Erkennbarkeit chaotischer Systeme aus. In der Tat sind bestimmte chaotische Systeme wie z.B. Ökosysteme schwer identifizierbar. Dieses liegt hauptsächlich daran, daß ihre Grenzen abhängig von der Stärke der Wechselwirkung mit ihrer Umwelt schwer feststellbar sind. Die Tatsache, daß es für derartige Systeme bereits Computersimulationen gibt, die ihr charakteristisches Verhalten gut simulieren können, spricht dafür, daß für ihr Verhalten nichtberechenbare Vorgänge keine Rolle spielen. Die Simulierbarkeit des Verhaltens dieser simulierbaren chaotischen Systeme ist selbst dann gegeben, wenn ihre Komponenten nichtsimulierbare chaotische Systeme sind, da durch Angabe des Durchschnitts und der Streuung ihres zufälligen Verhalten dieses durch einen Zufallsgenerator simuliert werden kann. Die chaotischen Systeme, welche am klarsten identifizierbar sind, sind lebende Organismen. Sie sind durch Autopoiese in der Lage eine eigenständige Identität zu entwickeln und sich gegenüber ihrer Umwelt als sie selbst zu behaupten. Nach den bisherigen Ausführungen spricht vieles dafür, daß sie auf einem Computer weder berechen- noch simulierbar und somit nichtsimulierbare chaotische Systeme sind.
 

2.1 Hierarchie lebender Systeme ?

Die Frage, wie soziale Systeme nun zu klassifizieren sind, wirft eine Reihe von Komplikationen auf. Um menschliche soziale Systeme als einen Organismus zu betrachten, sind mir Menschen (die Komponenten) zu autonom bzw. nicht fest genug in Organisationsstrukturen eingebunden. Als bloße simulierbare chaotische Systeme scheinen die Bindungen wiederum zu eng und die Abhängigkeiten zwischen ihnen zu undurchsichtig. Am einfachsten wäre es wohl, soziale Systeme schlicht als Systeme eigenen Typs zu definieren, doch das würde die Probleme nicht wirklich lösen. Die starken Differenzen über bisherige Definitionen (wie z.B. die von Luhmann) scheinen das zu bestätigen. Andere Konzepte beinhalten hierarchische Modelle aus mehreren Ebenen. Bei einigen von ihnen befindet sich die Ebene sozialer Systeme zwischen einer biologischen und einer geistigen oder kulturellen. Die noch plausibelsten ordnen jeweils Ebenen übereinander, in denen die Systeme höherer Ordnung sich aus den Systemen der unteren zusammensetzen, wie z.B. bei Gerard’s Hierarchie „lebender Systeme“ (Zellen - Organe/Gewebe - lebende Organismen/Individuen - Gruppen - größere Konglomerate)32 oder bei Maturana und Varela Einheiten 1., 2. und 3. Ordnung (Zellen - lebende Organismen - soziale Systeme)33. Aber auch diese sind nicht in der Lage, eine Grenze bzw. ein Unterscheidungskriterium zwischen Organismen bzw. nichtsimulierbaren und simulierbaren chaotischen Systeme zu ziehen bzw. anzugeben. Interessanterweise scheinen es aber auch „nur“ die sozialen Systeme zu sein, welche sich einer Zuordnung widersetzen, und die von verschiedensten Theoretikern auf die verschiedensten Arten definiert wurden34. Eine zentrale Kategorie für eine mögliche Unterscheidung scheint mir neben dem Begriff der Autopoiese der der Identität zu sein. Während Atome und Moleküle in komplexen Zellen bzw. Zellen in komplexen Organismen in deren (möglicherweise quantenmechanisch) organisierten Prozessen fest eingebunden sind und somit eine neue Einheit mit eigener „Identität“ hervorbringen, besitzen Atome, Moleküle, Zellen und Organismen in Symbiosen und Ökosystemen eine relativ große Autonomie bzw. sind relativ einfach als Einheiten zu identifizieren. In sozialen Systemen hingegen wird sowohl Institutionen als auch Individuen Identität und Autonomie zugesprochen. Somit besitzen Menschen offensichtlich die „Eigenart“ sowohl mit anderen zusammen als auch für sich selbst eine eigenständige Identität zu entwickeln. Es sei denn, man folgt der Argumentation von Luhmann, und sieht die Existenz sozialer Systeme losgelöst von der der Individuen.35 Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, so sind soziale Systeme für mich „lediglich“ Systeme, in welchen die Existenzbedingungen ihrer Komponenten (lebende Organismen) organisiert werden. Da diese Definition die Fragestellung der Simulierbarkeit nur auf die Frage nach der Organisation sozialer Systeme verschiebt, d.h. soziale Systeme wären simulierbar genau dann wenn ihre Organisation bzw. ihr Verhalten vollständig auf das Verhalten der sie bildenden Individuen zurückgeführt werden könnte, möchte ich nun die Verhältnisse zwischen lebenden Organismen und sozialen Systemen näher betrachten.

In der Autonomieskala von Maturana und Varela werden Systeme nach dem möglichen Grad der Autonomie der sie bildenden Komponenten eingeordnet.36 Soziale Insekten bilden dabei eine Zwischenstufe zwischen Organismen und menschlichen Gesellschaften, welche von Maturana und Varela jeweils als Metasysteme aufgefaßt werden. „Die Organismen wären demnach Metasysteme mit Komponenten von minimaler Autonomie, d.h. mit Komponenten mit geringem Ausmaß an unabhängiger Existenz. Hingegen wären menschliche Gesellschaften Metasysteme mit Komponenten maximaler Autonomie, d.h. mit Komponenten, die viele Dimensionen unabhängiger Existenz haben.“37 Die Abstufungen zwischen Organismen, sozialen Insekten und menschlichen Gesellschaften werden besonders deutlich, wenn man sich die physiologische Differenzierung zwischen den Komponenten der jeweiligen Einheit betrachtet. Während die Zellen für ihre „Tätigkeit“ im Organismus höchst unterschiedlich strukturiert sind, und soziale Insekten immerhin noch deutliche physiologische Differenzierungen z.B. zwischen König und Arbeiterinnen aufweisen, besitzen Menschen vergleichsweise geringe physiologische Unterschiede.38

Bei sozialen Insekten und (höchstens mit minimalen Ausnahmen) bei anderen sozialen Tieren scheint das gesamte Sozialverhalten und somit die Organisation der durch sie gebildeten sozialen Systeme genetisch (instinktiv) angelegt bzw. bedingt zu sein. Dem gegenüber dürften derartige anlagebedingte Determinationen bei Menschen keine Rolle spielen bzw. durch erlernte Fähigkeiten und umweltbedingte Prägungen überlagert worden sein. Es stellt sich die Frage, was abgesehen von den physiologischen Möglichkeiten (z.B. größeres Gehirn, aufrechter Gang) den entscheidenden Unterschied ausmacht. Ich möchte nicht leugnen, daß die Entwicklung und Benutzung von Werkzeugen und daran anschließend die Organisation von Produktion und Reproduktion für die menschliche Entwicklung wichtig waren und sind, jedoch scheint mir der entscheidende Unterschied zwischen sozialen Tieren und menschlichen Gesellschaften in der Fähigkeit von Menschen zu liegen, durch die Entwicklung einer differenzierten Sprache soziale Interaktionen auf der Basis symbolischer Interaktionen (mit Sprache und Gesten) intern (nichtrechnerisch) zu simulieren, und über Begriffe ein „logisches“ Modell von sich selbst und ihrer Umwelt zu entwerfen. Diese Definition der Besonderheit menschlicher Gesellschaften, welche sich stark an der auf Georg H. Mead aufbauenden Theorie des symbolischen Interaktionismus orientiert, möchte ich im nächsten Abschnitt genauer erläutern.

 

„Was seine Erziehung angeht, wird ein Kind nicht durch Lernen sozial. Es muß sozial sein, um zu lernen.“
Georg H. Mead39

2.2 „I“ und „Me“

Georg H. Mead, der ein äußerst vielfältiges Werk hinterlassen hat, gilt heute zunehmend für viele Bereiche der Sozial- und Geisteswissenschaften als Vordenker und kreativer Theoretiker.40 In seinen Vorlesungen41 versuchte er immer wieder eine Einheit von Individuation und Sozialisation aufzuzeigen. Dabei bezeichnete er sich selbst als „Sozialbehaviorist“, wobei er sich jedoch entschieden von dem zu seiner Zeit entstehenden Behaviorismus von Watson dadurch abgrenzte, daß für ihn ebenso die nicht beobachtbaren inneren Vorgänge und ihr Verhältnis zur sozialen bzw. gesellschaftlichen Situation von Bedeutung sind.42 Ebenso würde er Neobehavioristen widersprechen, „da das ‘Ich’ niemals ganz berechenbar ist.“43 Analog dazu würde ich als Einwand gegen behavioristische Theorien vorbringen, daß die Vielfalt möglicher Handlungen durch die in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation mögliche Vielfalt innerer „logischer“ Modelle von sich selbst und der Umwelt im Verhältnis zur Vielfalt wirklicher sozialer Situationen bestimmt wird, wobei die Entscheidungen für konkrete Handlungen von einem möglicherweise nichtrechnerischen Bewußtsein getroffen werden. Diese „logischen“ Modelle beinhalten Haltungen, Wertvorstellungen und Rollenbilder, welche quasi im Gedächtnis als einem umfassenderen Modell,44 als die ihm zugrunde liegende Logik, enthalten sind. Diese Haltungen, Wertvorstellungen und Rollenbilder wurden aus dem gesellschaftlichen Umfeld in das Selbst bzw. die Identität übernommen und bestimmen dort die Form der Bewußtseinsinhalte. Demgegenüber entspricht der symbolisch nichtrechnerisch-simulierende Teil des Selbst dem aktiven Bewußtsein. Diese beiden Teile scheinen mir Mead’s Begriffen „Me“ („ich“)45 und „I“ („Ich“)46, welche das „self“ (Selbst bzw. Identität) bilden47 bzw. dessen objektive und subjektive Dimension darstellen, stark zu entsprechen. Während die Übernahme von Haltungen anderer ein aktives Bewußtsein („I“) voraussetzt, setzt ein aktives Bewußtsein ein „logisches“ Modell („Me“) voraus.48 Weiterhin sind nach meiner Hypothese Erinnerungen Bestandteile des symbolischen Modells, die somit nicht nur als subjektive Wahrnehmungen durch ein selektierendes Bewußtsein sondern ebenfalls durch die ständige Bearbeitung des Modells, d.h. der ihm zugrunde liegenden Logik, durch das Bewußtsein verändert werden. Das Erinnern selbst geschieht jedoch durch das Bewußtsein.

Wie kommt diese zirkuläre (selbstreferentielle) Entwicklung des Selbst bzw. der Identität („self“) zustande? Wie bereits erwähnt, werden Haltungen, Wertvorstellungen und Rollenbilder aus dem gesellschaftlichen Umfeld in das Selbst bzw. die Identität übernommen. Dieses setzt jedoch zum einen voraus, daß ein gesellschaftliches Umfeld überhaupt existiert, ohne das es kein Selbst bzw. keine Identität geben würde.49 Zum anderen ist ein Medium notwendig, in dem diese Haltungen, Wertvorstellungen und Rollenbilder bestehen und übermittelt werden können. Dieses Medium identifiziert Mead als die Sprache, welche es auf der Grundlage der Übermittlung von Gesten ermöglicht, die „externe gesellschaftliche Situation in das Verhalten des Einzelnen“ hineinzunehmen.50 Dabei ist wichtig, daß die Sprache und der durch sie stattfindende „gesellschaftliche Prozeß zeitlich und logisch vor dem bewußten Individuum besteht, das sich in ihm entwickelt.“51 Dem gegenüber ist es jedoch der Einzelne der Haltungen anderer in das „Me“ übernimmt und in der internen Simulation symbolischer Interaktionen bzw. in „realen“ Interaktionen als „I“ einnimmt. Es ist somit gerade die „Übernahme organisierter Rollen anderer ..., durch die er sich zu seiner Reaktion anregt.“52 Stark vereinfacht ergeben sich somit folgende Entwicklungsschritte. Haltungen anderer Personen aus dem sozialen Umfeld werden in das „Me“ übernommen. Anschließend werden diese Haltungen (probehalber) durch das „I“ eingenommen (d.h. imitiert). Die darauf erfolgenden Reaktionen bzw. die mit ihnen verbundenen Haltungen werden nun ebenfalls übernommen. Diese übernommenen Haltungen und (Gegen)haltungen bzw. komplexere mit ihnen verbundene Rollenbilder ermöglichen es dem „I“, nun die erfahrenen sozialen Interaktionen intern beliebig zu simulieren und sich auf diese Weise ein „logisches“ Modell zu schaffen, welches die Umwelt und das eigene Selbst (re)konstruiert. Dabei haben die Simulationen die Aufgabe, dieses Modell als möglichst konsistent (widerspruchsfrei) zu optimieren. Da jedoch durch die Übernahme weiterer Haltungen und Rollen und deren interne Simulation das „logische“ Modell mit der Zeit immer komplexer wird und besonders negative Erfahrungen eine Optimierung erschweren können, werden besondere „Maßnahmen“ erforderlich. Am einfachsten scheint es keine neuen Haltungen mehr zu übernehmen, und somit durch Wiederholung der immergleichen Simulationen das eigene Modell zu festigen. Da dieses dadurch besonders deutlich hervortritt, könnten Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis ebenfalls besonders deutlich wiedergegeben werden, wohingegen jüngere Erlebnisse schneller verblassen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, durch ein möglichst differenziertes Modell bestehende Widersprüche aufzulösen und sie quasi im Hegelschen Sinn auf einer höheren Ebene in einer Synthese zu übersteigen. Dieses ist jedoch bei sich widersprechenden Impulsen oft schwierig, so daß eine starke Tendenz besteht sie zu verdrängen, um die eigene Handlungsfähigkeit zu behalten. Während aber „normale“ Erinnerungen mit der Zeit verblassen, entwickeln verdrängte ein eigenartiges Doppelleben. Einerseits sind sie dem Bewußtsein nicht zugänglich, andererseits sind sie ein integraler Bestandteil des „logischen“ Modells, welches auf diese Weise eine „unlogische“ (widersprüchliche) Struktur erhält und dadurch zu „unlogischen“ Simulationen bzw. Handlungen führt. Weiterhin können Haltungen, die einmal übernommen wurden, und Unterscheidungen, die einmal getroffen wurden, zwar ebenso wie Erinnerungen mit der Zeit verblassen bzw. verdrängt werden, sie können jedoch nicht rückgängig gemacht werden. Auch sind Haltungen oft in komplexen Wertsystemen bzw. Rollenbildern so miteinander verbunden, daß ihre Übernahme als Ganzes erfolgen muß um verstanden zu werden. Dieses ist möglicherweise der Grund für stufenartige Entwicklungen wie sie z.B. von Jean Piaget (Stufen der kognitiven Entwicklung beim Kind) und Lawrence Kohlberg (Stufen der Entwicklung moralischer Urteile) beschrieben werden.
 

Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer anderen zur selben Stelle und kennst dich nicht mehr aus.
Ludwig Wittgenstein

2.3 Sprache und Identität

Wie bereits erwähnt, ist die Sprache als Medium in dem Haltungen, Wertvorstellungen und Rollenbilder bestehen und übermittelt werden können notwendig, damit Individuen ein Selbst bzw. eine Identität herausbilden können. Dieses erfordert aber soziale Systeme in denen Individuen mittels einer differenzierten Sprache kommunizieren. Da es damit für eine mögliche Reduktion des Verhaltens sozialer Systeme auf das der sie bildenden Individuen (d.h. eine mögliche Simulierbarkeit) notwendig ist, den Ursprung und das Wesen dieser Sprache genauer zu erfassen, möchte ich nun die Frage näher betrachten, warum denn eine solche differenzierte Sprache überhaupt entstanden ist. Damit verbunden ergibt sich ebenfalls die Frage nach der Möglichkeit einer universellen Sprache.

Für die Frage nach dem Grund scheint es mir zwei konträre Antworten zu geben. Ausgehend vom Individuum ließe sie sich als Motiv, das Bedürfnis seine Innerlichkeit ausdrücken und anderen mitteilen zu wollen, angeben. Dieses setzt jedoch voraus, daß es eine Innerlichkeit vor aller Sprache gibt. Da das „I“ als aktives Bewußtsein bereits eine Sprache voraussetzt, müßte diese „sprachlose“ Innerlichkeit durch ein Bewußtsein auf der vegetativen Basis eines biologischen Organismus (mit einem Nervensystem) gegeben sein, welche bereits die Möglichkeit zum verstehen von Sprache beinhaltet. Das Erlernen der Sprache könnte hier als eine Entfaltung dieser Innerlichkeit bzw. dessen Möglichkeiten beschrieben werden. Diese Möglichkeit des Verstehens erfordert aber keinesfalls das Schauen einer Welt der Ideen vor der Geburt (Platon) oder daran anknüpfend die von Chomsky aufgestellte These angeborener Sprachstrukturen.53 Vielmehr scheint mir an Mead’s Beschreibung anknüpfend Erlernen mittels Übernahme und Verstehen als quasi erfolgreiche interne Simulation bzw. (Re)konstruktion durch ein Bewußtsein, welches eine möglicherweise universelle quantenmechanische Natur besitzt, eine potentiell plausible Erklärung zu sein. Soziales Verhalten wäre in diesem Sinne bereits in dieser universellen Innerlichkeit angelegt, was bedeutet, daß soziale Systeme simulierbar wären, wenn diese Innerlichkeit vollständig beschreibbar wäre.

Die andere mögliche Antwort wäre ausgehend vom sozialen System die Entstehung von Sprache primär als Erfordernis einer sich differenzierenden sozialen Organisation zu beschreiben. Danach wäre keine vorsprachliche Innerlichkeit erforderlich. Die Individuen wären daraus folgend wohl lediglich das „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“54.

Für die Möglichkeit einer universellen Sprache ergeben sich daraus folgende Konsequenzen. Während natürliche Sprachen die Eigenart besitzen, durch Begriffsneuschöpfungen und das Setzen von bestehenden Begriffen in neue Sinnzusammenhänge permanent verändert zu werden und somit ebenso gesellschaftliche Veränderungen auszudrücken, besitzen formale Sprachen55 diese Variabilität nicht. Diese Veränderungen natürlicher Sprachen lassen sich durch das Einführen neuer Metaphern in die Kommunikation erklären.56 Da eine „lebende Metapher“, welche individueller Kreativität entspringt, eine Übertretung der ordentlichen Sprache darstellt, ist über ihren Sinn- bzw. Wahrheitsgehalt innerhalb dieser Sprache keine sinnvolle Aussage möglich.57 Findet sie trotzdem Anklang bei anderen Personen und wird sogar in das Regelsystem der ordentlichen Sprache übernommen, so wird aus ihrer metaphorischen Bedeutung eine „wörtliche“, und die lebende Metapher wird zu einer „toten“.58 Da eine universelle Sprache die Variabilität einer natürlichen Sprache besitzen müßte, könnte sie somit nicht nur keine formale, sondern ebenfalls keine ordentliche Sprache, zumindest keine im herkömmlichen Sinne sein. Vielmehr scheint mir „lediglich“ die Tiefengrammatik59 einer natürlichen Sprache eine gewisse Universalität zu besitzen, da sie die mehr oder weniger gute Übersetzbarkeit zwischen den Sprachen ermöglicht. Für den oben skizzierten Gegensatz scheint somit für die erste Antwort zu folgen, daß diese Tiefengrammatik zwar der Sprache einer entsprechenden Sprachgemeinschaft zugrunde liegt, sie jedoch Ausdruck einer vorsprachlichen universellen Innerlichkeit ist, welche sich durch die Übernahme einer natürlichen Sprache entfaltet. Auf eine derartige hypothetische Innerlichkeit müßte dann ausgehend von einer Tiefengrammatik zurückgeschlossen werden. Aus der zweiten Antwort ergeben sich aus meiner Sicht keine Anhaltspunkte für die Möglichkeit oder auch Unmöglichkeit einer universellen Sprache, da die Organisation konkreter Gesellschaften kulturell und historisch höchst unterschiedlich war und ist. Dieses wäre zumindest ein schwaches Argument für die Nichtsimulierbarkeit sozialer Systeme, aber ohne die Möglichkeit dieses genauer erklären zu können.

Da es mir aus meinem eher naturwissenschaftlichen Ansatz heraus um potentielle Erklärungen geht, werde ich die erste Antwort als Hypothese weiterverfolgen. Davon ausgehend sehe ich jedoch die Untersuchung einer Tiefengrammatik und somit einer potentiellen universellen Sprache in hohem Maße als sozialpsychologisches Problem, da es gerade die enorme Variationsbreite von individuellen Sinn- und Bedeutungszuordnungen ist, welche sie derart vage und verwirrend erscheinen läßt.

Um dieses näher zu betrachten komme ich nun auf die Frage nach dem Wesen natürlicher Sprache zurück. Da die Sprache sowohl das Medium ist, in dem Menschen miteinander kommunizieren als auch denken, besitzt sie eine gewisse „Doppelnatur“. Einerseits ermöglicht sie die Übernahme von Haltungen, Wertvorstellungen und Rollenbildern in das „Me“ und die interne Simulation sozialer Interaktionen, und versetzt somit die Individuen in die Lage sich gegenüber sozialen Strukturen autonom verhalten zu können. Andererseits sind Individuen, dadurch daß sie in einer konkreten Sprachgemeinschaft leben, an deren Sprache gebunden und können nur soweit eine Eigenständigkeit entwickeln, wie diese Sprache es zuläßt.60 Da bei symbolischen Interaktionen immer auch Erwartungen und Erwartungs-Ewartungen61 eine Rolle spielen, und das kreieren neuer Metaphern der Zustimmung anderer bedarf, wird ebenfalls die Veränderbarkeit entscheidend durch die Gruppe bestimmt, in der die entsprechende Sprache benutzt wird. Der Widerspruch verschärft sich, wenn man zusätzlich die jeweiligen Repräsentationen von Wissen genauer betrachtet, bei denen aus meiner Sicht das Vorhandensein von Schrift als quasi geronnene d.h. der Vergänglichkeit entzogene sprachliche Ausdrücke eine große Bedeutung besitzt. In Gruppen in denen noch keine Schrift vorhanden ist bzw. zum Aufzeichnen von Wissen über Ereignisse, Erlebnisse und Erfahrungen verwendet wird, wie z.B. in einigen polynesischen und melanesischen segmentierten Gesellschaften, spielt somit das Gedächtnis eine ungleich größere Rolle als in unserer Kultur. Dieses Gedächtnis besteht jedoch in derartigen Gesellschaften bzw. Kulturen zum großen Teil aus kollektiven Repräsentationen, denen die Einzelnen sind unterordnen, da sie für ihre persönlichen Erinnerungen auf die Anerkennung anderer Gruppenmitglieder angewiesen sind.62 Daraus folgt:

„Die nicht-wissenschaftlichen Repräsentationen dieser Kulturen schweben in einer Gefühlsatmosphäre, die besonders für unsichtbare, übernatürliche, in einem Wort: für Entitäten besonders empfindlich macht. ... Die Menschen, die diese Repräsentationen hervorbringen und sie in die Praxis umsetzen, stehen nicht - wie dies bei uns der Fall ist - unter dem Zwang des Satzes vom Widerspruch63 (vgl. Levy-Bruhl 1951, S.79). Dagegen befolgen sie die Regel einer Logik der Teilhabe, die es ihnen erlaubt, Dinge zu denken, für die es in unserer Kultur Denkverbote gibt - beispielsweise, daß eine Person oder eine Sache zugleich sie selbst und etwas anderes ist. So kann ein Tier an einer Person teilhaben, oder die Individuen haben Anteil am Namen eines Tieres, so daß sie ihn nicht verraten, da ein Feind ein Tier dieses Namens erlegen und sich so den Namensträger untertänig machen könnte.“64

Dieses Denken - so eigenartig es auch aussieht - scheint diesen Menschen eine authentischere Lebensweise zu ermöglichen, da die Gegebenheiten immer aus der konkreten Situation heraus bewertet werden bzw. als wahr gelten. Das einzelne Individuum ist in einem magischen „natürlichen“ Sinngefüge aufgehoben, zu dem es keine Distanz besitzt. Eine derartige Distanz erscheint mir in der Menschheitsentwicklung erst mit dem Auftreten von Schrift gegeben, da sie es einzelnen Individuen ermöglicht, Erinnerungen unabhängig vom „Gedächtnis“ einer sozialen Gruppe festzuhalten und somit eigenständige Wahrheitskriterien zu besitzen. Diese Wahrheitskriterien bedürfen aber im Gegensatz zu kollektiven Repräsentationen einer fortwährenden Interpretation und führen dazu, daß der Interpretierende sich nie ganz sicher sein kann, den wahren Gehalt des Geschriebenen zu erkennen. Der daraus erwachsende Zweifel bzw. sich ergebende (kreative) Irrtümer scheinen mir eine wichtige Triebkraft für die geistige und wissenschaftliche Entwicklung zu sein. Weiterhin bewirkt dieser „unabhängige“ Informationsspeicher, daß der Schreibende bzw. Lesende sich nicht mehr in der Vorstellungswelt einer sozialen Gruppe sondern in seiner ganz persönlichen bewegt. Durch das Lesen von Literatur aus anderen Kulturkreisen bzw. -epochen kann somit eine Erweiterung des eigenen Horizonts über den der eigenen Kultur hinaus erfolgen, und zu der Weiterentwicklung der eigenen Kultur beitragen. Wie dieses z.B. in der Renaissance besonders deutlich geschah. Die andere Seite dieser Distanz ist ein möglicher Verlust an Authentizität und originärer Motivation bzw. die Erfahrung einer inneren Leere. Was bedeutet dieses für das Verhältnis der Individuen zu ihrer Sprache?

Wie bereits erwähnt besteht bei sich widersprechenden Impulsen die starke Tendenz, diese zu verdrängen und somit ein „logisches“ Modell mit einer unbewußt-unlogischen Struktur zu konstituieren. Um ein derartiges Modell und somit die auf ihm beruhende Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, müssen die verdrängten Impulse Widerstände gegen ihre Aufdeckung entwickeln, um das „I“ nicht vor unlösbare Probleme zu stellen. Zusammen mit der Tatsache, daß zum einen die nach innen genommene Sprache es dem „I“ nur bedingt ermöglicht, seine (hypothetische) vorsprachliche Innerlichkeit auszudrücken, und zum anderen sich das Individuum in sozialen Strukturen (Systemen) befindet, in denen von ihm erwartet wird, in bestimmten Situationen bestimmte Rollen einzunehmen, ergeben sich zwei mögliche Gegenreaktionen. Einerseits kann es zu einer variantenreichen Verweigerung „der Umwandlung seiner vorverbalen Inhalte in eine menschliche, das heißt: in eine notwendig begrenzte und endliche Darstellung“65 kommen, welche der Grund für eine innere Leere sein kann. Andererseits besteht die Gefahr, daß das Individuum nicht in der Lage ist, die von ihm erwarteten Rollen mit seiner personalen Identität in Übereinstimmung zu bringen und deshalb eine „Pseudo-Identität“66 entwickelt, was zu einem Verlust an originärer Motivation führt. Während die erste Gegenreaktion eher einer partiellen Sprachverweigerung von Personen zu entsprechen scheint, welche „Träger von psychotischen Erlebnissen“ sind,67 weist die zweite zu einer „eigentümlichen Sprachverwirrung“, in welcher umgangssprachliche Begriffe von Personen mit eher neurotischen Dispositionen in einer „pseudokommunikativen Privatsprache“ umdefiniert werden.68 Beide Gegenreaktionen erschweren die Bildung einer authentischen personalen Identität bzw. die gegenseitige Verständigung der Interaktionspartner über sich selbst und die sozialen Bedingungen ihrer Identität. Da über diese Vorgänge bisher nur unzureichendes Wissen vorliegt, ist somit von der ersten Antwort ausgehend ebenfalls keine befriedigende Aussage über eine universelle Sprache möglich. Die Frage nach einer Simulierbarkeit sozialer Systeme bleibt somit offen.
 

Anhang

Typen von Attraktoren (in 3-dimensionalen Phasenräumen) mit Ljapunov-Exponenten und Zeitdiagrammen

Dynamiken einer Luftrolle bei unterschiedlichen Temperaturdifferenzen

Dynamik bei r = 28                                                                    Dynamiken bei r = 14

dx/dt = -10x + 10y

dy/dt = rx - y - xz

dz/dt = xy - (8/3)z

Die Dynamik der Luftrolle wird durch drei Differentialgleichungen beschrieben, in denen x ein Maß für die Drehgeschwindigkeit und y für den Temperaturunterschied zwischen dem ab- und dem aufsteigenden Teil der Rolle ist. Die Variable z charakterisiert die Abweichung des senkrechten Temperaturprofils von einer einfachen linearen Temperaturabnahme. Die Darstellungen sind somit Projektionen der Trajektorien auf die x-z-Ebene (die y-Komponente fehlt). Das bedeutet, daß sich die Trajektorien in Wirklichkeit nicht schneiden. Dieses würde auch der deterministischen Entwicklung widersprechen, da jeder Trajektorienpunkt bzw. Zustand des Systems durch die Differentialgleichungen eindeutig bestimmt ist. Die Variable r steht für den Temperaturunterschied zwischen dem oberen und unteren Rand der Luftschicht. Wenn kein Temperaturunterschied existiert, ist die Luft makroskopisch stabil. Für r > 1 wird sie instabil, so daß die kleinste Störung eine Rollenbildung bewirkt, wobei sich die Drehrichtung bereits durch kleinste Zufallsschwankungen ergibt. Das ist ein gutes Beispiel für die extreme Sensibilität eines instabilen Systems gegenüber den Anfangsbedingungen und Störungen aus der Umwelt. Ab r > 24,74 beginnt die Rollenbewegung instabil zu werden und kippt unvorhersehbar von einer Richtung in die andere.69 Bereits kleinste Störungen beeinflussen dieses Kippen. So ist das chaotische Verhalten auf einem Computer zwar simulierbar, ein konkretes reales chaotisches System jedoch nicht berechenbar.
 

Literaturverzeichnis

George H. Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1973

George H. Mead: Gesammelte Aufsätze, Frankfurt am Main 1987

Detlef Garz: Sozialpsychologische Entwicklungstheorien, Opladen 1989

Uwe Flick (Hrsg.): Psychologie des Sozialen, Reinbek bei Hamburg 1995

Dirk Käsler (Hrsg.): Klassiker des soziologischen Denkens 1978

Franz Wellendorf: Schulische Sozialisation und Identität, Weinheim 1973

Roger Penrose: Schatten des Geistes, Heidelberg 1995

Reimund Böse / Günter Schiepek: Systemische Theorie und Therapie, Heidelberg 1989

Detlef Krause: Luhmann-Lexikon, Stuttgart 1996

H. R. Maturana / F. J. Varela: Der Baum der Erkenntnis, Bern 1987

Anatol Rapoport: Allgemeine Systemtheorie, Darmstadt 1988

R. W. Gerard: Concepts and Principles of Biology, Behavioral Science 3: 95-102 1958

Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie II, Stuttgart 1987

Aldo Giorgio Gargani: Die ethischen Grundlagen des Sprechens, Logos N.F. 3: 57-74 1996

Jürgen Kriz: Chaos und Struktur, München 1992

Georg Klaus (Hrsg.): Wörterbuch der Kybernetik, Berlin 1967

Stephen W. Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit, Reinbek bei Hamburg 1988

SØren Brunak / Benny Lautrup: Neuronale Netze, München 1993
 

1 Rapoport 1988, vgl. Vorwort des Autors zur Englischen Ausgabe.

2 Der Laplacesche Dämon ist eine Gedankenkonstruktion, derzufolge ein Geist der zu einem bestimmten Zeitpunkt die Position und Geschwindigkeit (Impuls) aller Teilchen des Universums und die Gesetze ihrer Bewegung kennen würde, daraus jeden zukünftigen und vergangenen Zustand des Universums errechnen könnte.

3 Detlef Krause führt im Zusammenhang mit einem Verzicht auf Letztabsicherungen eine Option für offene Weltformeln an. (1996, S.66)

4 Stephen W.Hawking schreibt z.B.: „Diese Gesetze mögen ursprünglich von Gott gefügt worden sein, ...“ (1988, S.155)

5 vgl. ebd., S.218

6 Die Ljapunov-Exponenten werden in der Regel aus den Differentialgleichungen, die den Dynamiken zugrunde liegen, berechnet. (vgl. Kriz 1992, S.129)

7 Trajektorien beschreiben die Änderung des Zustandes eines Systems mit der Zeit.

8 Ein Attraktor ist das, worauf sich der Zustand eines Systems zubewegt bzw. wovon er angezogen wird. (vgl. Böse/Schiepek 1989, S.32)

9 Bereich innerhalb dessen sich die Trajektorie eines Systems auf einen Attraktor zubewegt.

10 Böse/Schiepek 1989, S. 164

11 vgl. Klaus 1967, S.255,

12 vgl. Böse/Schiepek 1989, S.160f

13 vgl. Klaus 1967, S.434

14 vgl. Rapoport 1988, S.23f und S.104f

15 Mead 1973, S.398

16 siehe Penrose 1995, S.15ff

17 vgl. Böse/Schiepek 1989, S.188

18 vgl. ebd., S.44

19 vgl. ebd.

20 ebd., S.37

21 vgl. ebd., S.121

22 Autopoietische Systeme sind Systeme, welche sich permanent selbst reproduzieren.

23 Selbstreferentielle Systeme nehmen in den Prozessen der Konstitution ihrer Elemente und Operationen auf sich selbst Bezug. „Bewußtseinssysteme“ und soziale Systeme erzeugen eine Beschreibung ihrer Selbst und somit eine Unterscheidung zwischen sich und ihrer Umwelt. (vgl. ebd., S.189)

24 vgl. ebd., S.189

25 vgl. ebd., S.178

26 siehe Penrose 1995, S.449ff

27 Penrose Gegenargumente bauen zum Teil auf Gödel’s Beweis seines Unvollständigkeitssatz und Turing’s Beweis der Unentscheidbarkeit des Halteproblems bei Turing-Maschinen25 auf, und sprechen für eine grundsätzliche Nicht-Berechenbarkeit mathematischen Denkens. Beide Beweise verwenden negativen Selbstbezug, wie er z.B. in dem Satz: „Dieser Satz ist falsch.“ vorkommt, von dem wir sehen, daß er ein spezifisches (logisches) Problem darstellt, jeder Computer jedoch seinen „Geist“ aufgibt bzw. sich in einer Endlosschleife „aufhängt“. Die einzige logisch vertretbare Position für eine Berechenbarkeit mathematischen Denkens wäre nach Penrose der Standpunkt, daß es zwar ein exaktes Verfahren für die Berechnung gibt, dieses Verfahren aber prinzipiell nicht erkenn- und verstehbar ist. Diesen Standpunkt lehnt er jedoch als eine pessimistische Schlußfolgerung ab. (vgl. ebd., S.208)

28 ebd., S.477

29 ebd., S.272

30 Eine Turing-Maschine ist ein mathematisches Modell für eine Rechenmaschine, mit der Berechenbarkeit im mathematischen Sinne beschrieben werden kann. Eine universelle Turing-Maschine ist in der Lage, jede andere Turing-Maschine zu simulieren. In diesem Sinne ist jeder moderne Computer eine universelle Turing-Maschine mit der Einschränkung, daß er über keinen unendlich großen Speicher verfügt.

31 vgl. Penrose 1995, S.449ff

32 Gerard 1958

33 Maturana/Varela 1987

34 vgl. Böse/Schiepek 1989, S.148

35 ebd., S.150f

36 Maturana/Varela 1987, S. 217

37 ebd., S.216

38 vgl. Mead 1973, S.277ff

39 zit. nach Garz 1989, S.57

40 vgl. Garz 1989, S.57f und Joas in Mead 1987, S.9

41 Das Werk von Mead wurde größtenteils von seinen Schüler aus Vorlesungsmittschriften und Aufsätzen zusammengestellt und publiziert.

42 vgl. Mead 1973, S.46

43 ebd., S.221

44 Ich versuche hier Gedächtnis als ein veränderliches Modell aus sepräsentationen im Gegensatz zu einem unveränderlichen Informationsspeicher vorzustellen, da nach dem Stand der Erkenntnis Wahrnehmungsmuster „lediglich“ durch die Veränderung synaptischer Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn langfristig gespeichert werden. (vgl. Brunak und Lautrup 1993, S.94)

45 vgl. Mead 1973, S.218

46 vgl. ebd., S.221

47 vgl. ebd., S.217

48 vgl. ebd., S.224

49 vgl. ebd., S.207

50 vgl. ebd., S.230

51 ebd.

52 ebd.

53 Chomsky beschäftigte sich vornehmlich mit der Ausarbeitung mechanischer Regelsysteme zur Beschreibung von Sprache, und stellte dabei eine enorme Komplexität und Vielfältigkeit der Regeln natürlicher Sprachen fest, dessen bloßes Erlernen (durch Kinder innerhalb kürzester Zeit) ihm daher unmöglich erschien. (vgl. Stegmüller 1987, S.5ff)

54 Karl Marx: 6. These über Feuerbach (Marx spricht hier von der Wirklichkeit des menschlichen Wesens, was somit meinen Bezug auf dessen Möglichkeit relativiert.)

55 Formale Sprachen sind Sprachen, welche durch eine exakt vorgegebene Anzahl von Produktions- bzw. Transformationsregeln mechanisch erzeugt werden können.

56 vgl. Gargani 1996, S.57

57 vgl. ebd. S.58

58 vgl. ebd.

59 Die Tiefengrammatik einer natürlichen Sprache ist ein äußerst vages Gebilde, welches aus intensionalen Zusammenhängen zwischen den Begriffen der Sprache besteht. Während eine Oberflächengrammtik die syntaktischen Regel (des Satzbaues) beinhaltet, enthält eine Tiefengrammatik semantische Regel, welche die Bedeutung(en) der Begriffe bzw. Aussagen betreffen.

60 Es gibt z.B. Sprachen in denen es keinen Begriff für ich oder keine starke Trennung von Subjekt und Objekt gibt.

61 Erwartungs-Erwartungen bezeichnen die Vorstellungen bzw. Erwartungen einer Person darüber was eine andere Person von ihr erwartet.

62 vgl Oyserman/Markus in Flick 1995, S.140f

63 Der Satz vom verbotenen bzw. ausgeschlossenen Widerspruch besagt, daß eine Aussage bzw. Tatsache nicht gleichzeitig wahr und falsch sein kann.

64 Moscovici in Flick 1995, S.286f

65 Gargani 1996, S.64

66 Franz Wellendorf 1973, S.254

67 Gargani 1996, S.64

68 Franz Wellendorf 1973, S.254f und

69 vgl. Kriz 1992, S.138

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