Transdisziplinarität

Alles hängt mit allem zusammen. Was genau ist damit gemeint? Worauf bezieht sich dieses alles? Ist es möglich die Gesamtheit des menschlichen Wissens als Ganzes zu betrachten ohne es vorher in eine Vielzahl disziplinärer Gebiete und Teilgebiete aufzuspalten? Wie hoch ist die Komplexität, mit der man sich auseinandersetzen muss, wenn man jegliche disziplinäre Grenzziehung ablehnt? Wie geht man um mit einer Komplexität, für die es bisher kaum Hilfsmittel gibt, in einer Kultur der Komplexitätsvermeidung, Komplexitätsleugnung und Komplexitätspanik? Die Disziplinarisierung in der Wissenschaft ist so wie alle Spezialisierungen in Gesellschaften eine Form der Komplexitätsreduktion. In interdisziplinären bzw. fächerübergreifenden Forschungsprojekten findet eine kooperative Zusammenarbeit zwischen Forschenden aus verschiedenen Fachgebieten bzw. Einzelwissenschaften statt. Dabei erhöhen die Grenzziehungen die Handlungssicherheit und erleichtern somit die Zusammenarbeit. Für die erfolgreiche Planung und Organisation dieser Zusammenarbeit ist jedoch ein transdisziplinärer Blick erforderlich, bei dem diese Grenzziehungen aufgehoben sind.

In meiner Facharbeit am Oberstufenkolleg Bielefeld von 1997 gelang es mir anhand systemtheoretischer Betrachtungen von Simulierbarkeiten und unterschiedlichen Formen der Stabilität einen transdisziplinären Blick zu entwickeln. Der Begriff des Systems ermöglichte dabei eine domainübergreifende kohärente Betrachtung, bei welcher sich die Frage nach der Stabilität als universell anwendbares Beurteilungskriterium herausstellte. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten an neuen Einsichten erscheinen mir auch heute 25 Jahre später nach wie vor als nicht ansatzweise überschaubar. Viele Philosophen haben nach Kriterien gesucht, die ihrer Welt- und Selbstsicht Stabilität verleihen können, und wurden von Nietzsche dafür heftig kritisiert. In Götzen-Dämmerung schreibt er: "Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit." Möglicherweise ist das Kriterium der Stabilität das Einzige, was einer Welt- und Selbstsicht Stabilität geben kann, auch wenn es möglicherweise nur eine unsicher spekulierende Methodologie für seine Anwendung gibt. Dabei ist der Begriff der Stabilität in seiner abstrakten Weitung tendenziell ähnlich allgemein und vage wie der durch Hartmut Rosa eingeführte Begriff der Resonanz. Aus meiner Sicht sind beide Begriffe zwei Seiten derselben Medaille. Damit zusammenhängend ist es wichtig, den prinzipiell experimentellen Charakter meiner Texte zu verstehen, in denen ich mich einerseits an naturwissenschaftlichen Methodologien mit ihren kausalen Modellen orientiere, und andererseits gleichzeitig versuche, die Gesamtheit der Zusammenhänge zu betrachten. Im Gegensatz zu den etablierten empirischen Sozialwissenschaften folgt daraus insbesondere ein gravierend anderes Verhältnis zu Fehlern.

Vortrag von Jürgen Mittelstraß über Transdisziplinarität als Antwort auf die Krisen der Wissenschaften
Insbesondere stimme ich mit seiner Forderung nach einer dominanteren Rolle der Philosophie innerhalb der Wissenschaften überein.

Durch die Fokussierung auf das Kriterium Stabilität lässt sich vielleicht die Theorieentwicklung, insbesondere im Bereich Sozialphilosophie, vom Kopf auf die Füße stellen, insofern dass dadurch erstmals basal komplexe Theorien gegenüber einfachen systematisch im Vorteil sein könnten. Bisher waren leider immer gerade die Theorien besonders erfolgreich, deren Theoriebasen, zumindest vom Ansatz her, besonders einfach waren. Ihr zwangsläufiger Mangel an praktischer Stabilität wurde dabei bisher immer in Kauf genommen, oder theorieexternen Gründen angelastet.

Literatur

Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt, 1889
Hartmut Rosa, Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2016
 

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