Verwirrung ist ein Zeichen, wenigstens etwas verstanden zu haben.
 

Negativistischer Optimismus

Schaut man auf die Geschichte menschlicher Welt- und Selbstverhältnisse, dann stellt man fest, dass oft nicht die besten am anschlussfähigsten waren sondern die bequemsten. Unter einem negativistischen Optimismus, oder genauer einem transaktionalistischen negativistischen entwicklungsoffenen Optimismus, verstehe ich weniger eine geschlossene philosophische Lehre als vielmehr eine Haltung. Nach dieser, ist jede Antwort auf die Frage nach Wahrheit, die auf irgendeine Weise bequem ist, falsch. Wahrheit ist somit unbequem und unangenehm, aber nichts, was unbequem ist, ist allein deshalb wahr. Anderfalls gäbe es ja eine bequeme Möglichkeit, Wahrheit zu ermitteln. Analog, ist auch die Frage nach einer ewigen Wahrheit nicht entscheidbar, da Begründungen für ihre Nichtexistenz zwar nicht wirklich einfach sind, mir aber als bequem erscheinen. Eine solche Wahrheit könnte auf alle Fälle nichts statisches sein. Aber was wäre das Leben, wenn man es mit der Wahrheit immer so genau nehmen würde. Darüber hinaus, gibt es aus meiner Sicht kaum etwas bequemeres als Pessimismus. Dieser Negativismus geht somit über den Negativismus des Kritischen Rationalismus von Karl Popper hinaus. Insbesondere entwickeln sich nach meiner Ansicht sämtliche Begriffen zugrunde liegenden Unterscheidungen durch einen sozialen Prozess wechselseitiger und ko-konstitutiver Transaktionen. Analog zur Entwicklung wechselseitiger und ko-konstitutiver Beziehungen könnte man sagen, dass alle, die mit den selben Unterscheidungen beobachten, in ein gemeinsames semantisches Beziehungsnetz eingebunden sind. Dem gegenüber halte ich den Sozialkonstruktivismus genauso wie den Radikalen Konstruktivismus für nicht selbstanwendbar.

Des Weiteren vertrete ich einen Antiessentialismus, aber keinen erkenntnistheoretischen Antifundamentalismus. Obwohl mindestens aufgrund des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes ein solides erkenntnistheoretisches Fundament unmöglich ist, könnte ein experimentelles in Form einer experimentellen Ontologie praktikabel sein.

Die gravierendsten Konsequenzen hat dieser Negativismus im Bereich der Ethik. Als moralisch höchststehend ergibt sich für jeden Menschen eine Mitverantwortung für alle mit ihm sozial interagierenden Lebewesen basierend auf freien Entscheidungen. Würde diese Mitverantwortung nicht aus freien Entscheidungen sondern aus Kompensationsbedürfnissen wie z.B. einem Helfersyndrom oder einem Jesus-Komplex resultieren, wäre sie eher psychologisch bedenklich als moralisch wertvoll. Die Mitverantwortung selbst ergibt sich aus der transaktionalistischen unauflösbaren Verbundenheit zu allen mit dem Subjekt sozial interagierenden Lebewesen. Vergleichbar aus meiner Sicht spricht Emmanuel Levinas von einer unabweisbaren Forderung des Anderen gegen das Subjekt, dieses jedoch eingebettet in theologische Betrachtungen. Jean-Paul Sartre spricht von der absoluten Verantwortlichkeit als Konsequenz der totalen Freiheit, ausgehend von als isoliert gedachten Individuen.

Ein solcher ethischer Anspruch ist jedoch nie vollständig erfüllbar, insbesondere nicht in einer von Unwissenheit und Dummheit maßgeblich beherrschten Welt. Aber selbst in einer idealen Welt wäre die Komplexität viel zu hoch, so dass es sinnvoll ist, zwischen einem allgemeinen Verantwortungsgefühl und eingeschränkten persönlichen Zuständigkeiten zu unterscheiden.

Diese Ethik kann man in Anlehnung an Max Weber als eine Interaktion aus einer an Ergebnissen orientierten Verantwortungsethik und einer an Gerechtigkeit orientierten Gesinnungsethik interpretieren. In einer nicht idealen Welt mit begrenzten Ressourcen wie Zeit oder Informationen sollte sich eine Gesinnungsethik an einer Verantwortungsethik ausrichten. Dies erfordert unter anderem die Bereitschaft, sich aus einer unbeabsichtigten Situation heraus, sich im Sinne der Gesinnungsethik, schuldig zu machen. Dieses kann durch eine Fehlerkultur erleichtert werden, in welcher offen, ehrlich und sanktionsarm mit Fehlern umgegangen wird. Dabei ist jedoch die Ehrlichkeit der wichtigste Punkt, da die Fehlerkultur andernfalls perfekte Ausreden für nachlässige oder rücksichtslose Personen liefern würde.
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